Dienstag, 6. Juli 2010

Nicaragua feiert - Palo de Mayo, Hochzeit und die WM


Der ganze Monat Mai steht an der Atlantikküste Nicaraguas ganz im Zeichen der Festtage zu Ehren der Fruchtbarkeit der Mutter Erde. Karneval, Umzüge durch die Stadt, viel leckeres Essen und vor allem ausgelassene Tänze mit kräftigem Hüftschwung sind kennzeichend für das Karibikfestival “Palo de Mayo”. Diese wilden Tänze sollten zu Zeiten der spanischen Eroberung die feinen spanischen Herren schockieren.

Die Atlantikküste Nicaraguas hat eine gewisse Autonomie gegenüber dem Einfluss der ehemaligen spanischen Kolonialherren gewahrt, was unter anderem dem unbewohnten und kaum besiedelten Dschungelgebiet zu verdanken ist, das die stark bevölkerte Pazifikseite Nicaraguas von der Atlantikküste geografisch trennt und somit schwer zugänglich macht.

Eine einzige Straße führt dorthin und auf halber Strecke geht die Fahrt auf dem Fluss weiter, der sich seinen Weg durch den Regenwald bahnt. Der starke Unterschied der beiden Regionen ist deutlich spürbar – Während bei uns in Managua, Granada und Umgebung ausschließlich spanisch gesprochen wird, sprechen die Bewohner der Costa Atlantica Kreolisch (ein Dialekt des Englischen) und Misquito, eine indigene Sprache. Die Hautfarbe der Costeños ist deutlich dunkler und der Einfluss der hellen, europäischen Haut hat sich nicht durchgesetzt. Zudem gibt es mehr Armut, da viele Menschen von Fischerei leben und andere Wirtschaftszweige sehr schwach ausgeprägt sind.

Was ich bei einem Besuch vor einigen Wochen besonders genossen habe, war das leckere Essen an der Atlantikküste, das fast immer mit Kokosmilch zubereitet wird – die Spezialität dort ist “Rondon”, eine Suppe aus Meeresfrüchten mit Kokosmilch. Auch das übliche “Gallo Pinto” (Reis mit Bohnen) ist mit Kokosmilch eindeutig besser und Nachspeisen aus Kürbis, Fisch in allen Variationen und Kokosbrot verwöhnten unseren Gaumen. Mmmhh!

Von Bluefields aus, der Stadt des Festivals, besteht die Möglichkeit auf die Robinson-Crusoe-Inseln Nicaraguas, die Corn Islands überzusetzen – mit Zementsäcken, Schweinen, Hühnern und Bambusholz auf dem Schiff im karibischen Meer fühlt man sich dem Piratendasein schon sehr nahe.

Letztes Wochenende war ich auf der Hochzeit einer nicaraguanischen Freundin eingeladen. Für mich war das die erste Hochzeit in Nicaragua und was wirklich typisch Nica war, war das vorherrschende Chaos sowohl bei der Planung als auch bei der Feier selbst.

Die Nervosität des Bräutigams wurde durch die Tatsache, dass die weiße Pferdekutsche mitsamt der Braut eine halbe Stunde zu spät in der Kirche eintraf nicht unbedingt gemindert. In der Zwischenzeit sank die Motivation des Pfarrers, einen schönen Gottesdienst zu gestalten, auf den Nullpunkt, bis er ernsthaft drohte, die Hochzeitsmesse abzublasen, wenn die Braut nicht innnerhalb von 5 Minuten einträfe.

Zum Glück fand die Trauung letztendlich statt und nach dem Gottesdienst, der einem deutschen katholischen Gottesdienst sehr ähnelte, ging die Feier im Haus einer Freundin weiter. Beim Eintreffen des Brautpaars wurde Reis über ihre Kopfe gestreut – der Reis bringt Glück und ist auch wirklich sehr typisch für dieses Land.

Insgesamt war die Feier mit Salsa, Merengue und viel Musik schön, für meinen Geschmack allerdings ein wenig unpersönlich und nicht so feierlich, wie ich das von bayerischen Hochzeitsfeiern her kenne.

Da es in diesem Bericht um Feiern aller Art geht, gehört die Feier des ersten WM-Sieges Deutschlands auch dazu. Mit selbstgemalten Fan-T-Shirts und Kriegsbemalung in schwarz-rot-gold zogen wir gemeinsam mit nicaraguanischen und deutschen Freunden los, um uns um 12:00 mittags das Spiel anzuschauen. Wir waren die einzigen Deutschland-Fans, doch mit der tatkräftigen Unterstützung der Nicas, die auf unserer Seite sind (da Nicaraguas Nationalmannschaft sich sowieso nicht für die WM qualifiziert hat) und halbwegs einstudierten deutschen Fußballliedern haben wir gemeinsam den Sieg gefeiert - ein wichtiger Schritt im Rahmen des deutsch-nicaraguanischen Kulturaustauschs.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Mein Leben und ich

Von Kinderkino über Müllsäuberungsaktion bis zu einem Besuch der Deutschen Welle war der letzte Monat von einigen Highlights gespickt – deswegen dreht es sich diesmal um mein Leben in Nicaragua mitsamt seinen schönen und frustrierenden Momenten.

Das schon seit längerem geplante Open-Air-Kino für Kinder habe ich nun vor einem Monat endlich in die Tat umgesetzt. 40 Kinder und Eltern tauchten in die Welt des kleinen Hundes Bolt auf und das kostenlose Kino auf dem Stadtplatz am Samstagabend war somit wirklich ein Erfolg!

Weniger erfreulich war leider die Vorbereitung und Organisation meinerseits, da ich vonseiten der Mitarbeiter der Casa wenig bis gar keine Unterstützung bekam.


Obwohl mein Vorhaben im Vorhinein mit einem Kopfnicken abgesegnet wurde, erfuhr ich erst in letzter Minute, dass die vermeintliche Hilfsbereitschaft darauf hinauslief, dass die Kosten fuer den Techniker und die Werbung von mir übernommen werden müssen. Am Tag der Veranstaltung erklärt mir der Techniker, dass ihm schon von vorneherein klar war, dass es um 5:00 natürlich noch zu hell für die Open-Air-Veranstaltung sei, was ihm jedoch eine Stunde vor Veranstaltunsgbeginn ein bisschen spät einfällt. Wie gut, dass Unpünktlichkeit in Nicaragua nicht kritisiert wird. In diesem Moment habe ich schon darüber nachgedacht, warum ich meinen Samstagabend damit verbringe, wenn nicht das geringste bisschen Anerkennung zu spüren ist?

Zum Glück läuft das nicht immer so – beim Kinderfest zum 1.Geburtstag der Kinderbibliothek in Malacatoya freut die Leiterin Milagros (Der Name bedeutet übersetzt “Wunder”) sich über jede Mithilfe und mit einem Clown, Kinderschminke, Musik, Tanz und Geschichten vorlesen genossen alle versammelten Piraten, Schmetterlinge und Prinzessinnen aus dem Dorf den Vormittag.

In Malacatoya ist die Bücherecke zudem das einzige Freizeitangebot für Kinder und somit täglich eine Anlaufstelle für die Kinder des Dorfes.

Kaum zurück aus dem Dorf, hatte ich nachmittags eine Verabredung mit einer Reporterin der Deutschen Welle, die eine Reportage über die Casa und insbesondere das Projekt “LOCREO” machte, das in den ärmeren Vierteln Granadas stattfindet und ich schlüpfte in die Rolle der Dolmetscherin.

Die Musiklehrer des Projekts “LOCREO” arbeiten nach dem Prinzip der “Lengua Maternal”, der Muttersprache. Die Idee dahinter ist, dass man als Kleinkind sprechen lernt, ohne lesen oder schreiben zu können – somit kann ein Kind auch Musik machen und singen, ohne Noten lesen zu können. Dieses Prinzip setzen die Lehrer durch leichte Rhythmusübungen und Singspiele um. Die Kurse sind kostenlos und die Kinder sollen so von früh auf mit der Musik vertraut werden und Gefallen daran finden, da im Alltagsleben in den Familien kein Zugang zum Musik machen gegeben ist.

Neben diesem schönen Projekt nun zu einer weniger schönen Angelegenheit, die ich bereits mehrfach in Berichten erwähnt habe: Nicaragua und der Muell.

Am Rande von Managua liegt von üppiger Vegetation umgeben die Laguna de Nejapa, ein See, der wunderschön sein koennte. Allerdings führt das Kanalsystem der Großstadt mit all seinem verunreinigten Abwasser und Müll direkt in diese Lagune, die somit weder als Trinkwasservorrat noch als idyllisches Naherholungsgebiet genutzt werden kann.

Einmal im Jahr wird eine “Jornada de Limpieza”, eine Säuberungsaktion, veranstaltet, die vom nicaraguanischen Militär mit Militärfahrzeugen zur Personenbeförderung zur Lagune und zur Müllentsorgung von der Lagune weg unterstuetzt wird.

Eine engagierte nicaraguanische Freundin lud mich ein, bei dieser von Nicas organisierten Aktion mitzumachen und so verbrachte ich einen heißen Sonntag mit Gummihandschuhen und Müllsack mit Freunden am Ufer der Lagune, um den groben Müll zu entfernen. Insgesamt waren 1000 Leute beteiligt, doch nach 3 Stunden immer noch auf denselben 10 Quadratmetern Plastikflaschen, Schuhe, Glas und noch mehr Plastik aufzusammeln und noch kein Ende zu sehen, macht einem das Ausmaß der Verschmutzung noch einmal deutlich bewusst – vom Gestank und Inhalt der Lagune selbst mal ganz abgesehen.

Stinkend, verschwitzt und ein bisschen nachdenklich machten wir uns somit auf den Nachhauseweg, doch das Schöne war, dass diese Aktion – wie so viele andere Umweltaktionen - einmal nicht von Ausländern organisiert war, sondern die Initiative von vielen engagierten Nicas ausging, die die Schätze ihres eigenen Landes bewahren wollen.

Dienstag, 27. April 2010

Der Regen ist zurück!

Nachdem ich in den letzten zwei Tagen die stärksten Gewitter mit den stärksten Regenfällen meines Lebens erlebt habe, bin ich überzeugt davon, dass die Trockenzeit überstanden ist. Der letzte Monat war mit Temperaturen von ca. 38° im Schatten wirklich unerträglich und somit freut sich hier jedermann über ein Stündchen Regen pro Tag.

In diesem Zusammenhang muss ich auch mal bemerken, dass mir vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal aufgefallen ist, dass es in den Medien keinen Wetterbericht gibt und das Wetter auch im alltäglichen Smalltalk keine Rolle spielt.

Wenn man kurz darüber nachdenkt, macht das auch Sinn. Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten: Regenzeit (Winter) von Mai-Oktober und Trockenzeit (Sommer) von November bis April.

Innerhalb dieser Jahreszeiten kann man sich drauf verlassen, dass den ganzen Tag die Sonne scheint - mit einer kleinen Unterbrechung durch Starkregen am Nachmittag während der Regenzeit. Dass Ausflüge oder Aktivitäten ins Wasser fallen ist also allgemein sehr unwahrscheinlich.

Über was ich nachdenke, wenn ich mir gerade keine Gedanken übers Wetter mache...

Wenn ich ab und zu wieder Statistiken über Nicaragua sehe, staune und erschrecke ich oftmals über Zahlen wie das Durchschnittsalter von 17 Jahren (!), die Arbeitslosigkeit von 25% und Analphabetismus von 36%.

Nun bin ich immerhin seit mehr als 8 Monaten im Land und natürlich entgeht mir nicht, wie viele Kinder und Jugendliche im Verhältnis zu älteren Menschen gibt und ebenso kenne ich selbst genug Nicaraguaner auf der Suche nach einer (vernünftigen) Arbeit und das unzureichende Bildungssystem ist mir auch kein Fremdwort – trotzdem finde ich die Vorstellung falsch, die diese Zahlen von dem Land vermitteln.

Nun wird mir bestimmt der ein oder andere vorwerfen, dass Granada nunmal die wohlhabendste Stadt in Nicaragua ist, worauf ich erwidern kann, dass ich nun doch schon auch ländliche Regionen und Managua kenne.


Trotzdem widerstrebt mir dieser negative Eindruck, den solche Zahlen vermitteln, weil ich dieses Land wirklich sehr schätze, sehr gerne hier bin und trotz aller Probleme das Leben in Nicaragua lebenswert ist.

Was ich damit sagen will, ist, dass solche Zahlen einen nicht abschrecken sollten, sich irgendwann einmal ein eigenes Bild von einem Entwicklungsland zu machen, denn das ist sehr anders als das Klischee mitsamt seinen Bildern und Zahlen von Entwicklungsländern auf vielen Spendenflyern.

Trotzdem will ich euch nicht einen guten Bericht vorenthalten, dem ich genau die oben genannten Statistiken entnommen habe, denn diese Zahlen sind nunmal Realität.

Da der Bericht stolze 24 Seiten umfasst und ich weiß, dass sich keiner die Mühe machen wird, ihn komplett zu lesen (auch wenn er es wert ist), möchte ich euch das für mich sehr wichtige Thema der sogenannten „Zonas Francas“ in Tipitapa, Nicaragua, nicht vorenthalten und ein wenig zusammenfassen.

Zonas Francas“ sind Sonderwirtschaftszonen. Diese findet man vor allem in Entwicklungsländern, in denen die Löhne für Arbeitskräfte sehr niedrig sind.

Bevorzugt asiatische Textilfabriken siedeln sich in Nicaragua an und deren Vorteil sind die günstigen Arbeitskräfte (ca 50-80 Cordoba pro Tag = 2,50- 4US$=ca 2- 3 €), große Steuererleichterungen und bei der Einhaltung von Arbeitsbedingungen und Mindestlöhnen wird schonmal ein Auge zugedrückt oder diese Bestimmungen werden geschickt umgangen.

Der offizielle Mindestlohn in Nicaragua beträgt aber ohnehin nur 1298 Cordoba im Monat (=ca 65 US$), was immer noch weniger als die Hälfte der Summe ist, die benötigt wird, um die Grundbedürfnisse eines Nicaraguaners zu decken.

Modemarken, die speziell in Nicaragua produzieren sind z.B. Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Gap etc und die Waren werden zu 99% in die USA exportiert.

An einer Jeans, die in den USA für 50 US$ verkauft wird, verdient die Arbeiterin in Nicaragua 0,50 US$, also gerade einmal 1%.

Von dem Lohn eines Arbeiters muss meist die ganze Familie ernährt werden und 85% der Arbeiter in Zonas Francas sind Frauen.

Warum erlaubt bzw fördert der Staat diese Sonderwirtschaftszonen?

Das einzige Argument ist, dass somit viele Arbeitsplätze (vor allem für ungebildete Menschen) geschaffen werden. Das stimmt auch, doch unter den aktuellen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen erreichen die „Zonas Francas“ nicht ihr Ziel: nämlich die Wirtschaft Nicaraguas anzukurbeln als „Motor für eine bessere Zukunft“.

Eine Freundin von mir hat in Managua Informatik studiert und ihren Bachelor beendet. Außerhalb der Zonas Francas findet sie trotz ihrer guten Qualifikation keine Arbeit und da für sie eine Arbeit in einer Sonderwirtschaftszone nicht in Frage kommt, wird sie nun wohl ins Ausland gehen und ihr Studium fortsetzen.

Allein eine bessere Bildung scheint also auch nicht auszureichen, um die wirtsch. Situation zu verbessern, wenn in Nicaragua dann nach Beendigung der Ausbildung keine Arbeit für gebildete, junge Menschen vorhanden ist.

1Tipitapa en las Zonas Francas: Bilder, Geschichten, Fakten und Träume aus dem Nicaragua der Sonderwirtschaftszonen ; (Zusammenarbeit: Casa Tres Mundos, Pan y Arte, Kulturland Oberösterreich)