Assoziationen zum Thema Winter: Sonnenschein, blauer Himmel, 30 Grad Tagestemperatur, nachts:25 Grad, Luftfeuchtigkeit 90%.
Ich warte somit schon sehr gespannt auf den Sommer. Da gerade Regenzeit ist, gibt es nachmittags regelmäßige heftige Regenschauer, die hier alle mit Freuden erwarten. Nach gerade einmal 4 Wochen, seit ich dem deutschen Regenwetter entflohen bin, bin ich schon soweit, Regen im Allgemeinen und die Abkühlung, die er mit sich bringt als wunderbar angenehm zu empfinden.
Trotzdem schwitzt man zu jeder Tages- und Nachtzeit und das hat zur Folge, dass wir alle uns hier zwei mal täglich duschen.
Doch natürlich lasse ich mich von der lieben Sonne nicht davon abhalten, nach draußen zu gehen, denn da findet das Leben statt. Während sich in Europa das Alltagsleben doch mehr oder weniger in den Häusern und Gebäuden abspielt, sind hier den ganzen Tag die Straßen voll von Menschen, die vor ihren Häusern sitzen und gemütlich mit ihren Nachbarn ratschen, sich einem anbieten die Schuhe zu putzen, einem Kaugummis, Kunsthandwerk, Ohrringe andrehen wollen oder einem Ohrenschmerzen verursachen, da sie in oberster Tonlage und in Dauerschleife ihre Quesillos lobpreisen. Der Quesillo ist für hier ein unverzichtbares Essen, da er einfach an jeder Straßenecke erhältlich ist und somit fest in das Leben eines Nicaraguaners integriert ist. Für unseren europäischen Gaumen ist er sehr gewöhnungsbedürftig sowohl im Geschmack als auch in der Essweise.
Er wird elegant in einer Plastiktüte serviert und besteht aus intensivem Käse, der in Tortilla (Maisflade
n) gewickelt ist und mit Chile (einer scharfen Chili-Gewürzmischug) beträufelt wird. Und jetzt kommts: Zum essen knotet man die Tüte oben zu, schüttelt das Päckchen, bis es schön matschig ist, beißt dann unten ein kleines Loch hinein und schlürft den Quesillo raus.
Für unsere Verhältnisse ist das wohl eine der ekligsten Methoden, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen und hält den Benimmregeln Knigges bestimmt nicht stand, aber hier wäre es wohl eher unhöflich, ihn aus der Tüte zu löffeln.
Ansonsten funktioniert die nicaraguanische Küche ungefähr so: Wenn man deftig essen will, sucht man sich irgendetwas, was man essen will und fritiert es dann. Wenn man was Süßes essen will, fritiert man es entweder oder süßt es mit drei Löffeln Zucker. Ebenso beinhaltet jedes Getränk neben Eiswürfeln natürlich Zucker und normalerweise gibt es zum Essen immer einen Fresco, das ist frisch gepresster Saft von Maracuja, Pitaya (knalllila Frucht), Melone, Orange usw. mit Eis und – wie sollte es anders sein – Zucker.
Nichtsdestotrotz schmeckt das Essen hier in der Regel ausgezeichnet. Typisch ist Gallo Pinto, Reis mit Bohnen oder allgemein Reis mit einem Stück Fleisch und Krautsalat, Empanadas, die mit Reis und Käse gefüllt sind und frittierte Bananen. Bei den Comedors, den Essständen an der Straße, wird das Essen in den großen Blättern von Bananenstauden serviert. Als Ersatz für die Kartoffel wird hier Yucca gegessen, eine Knolle, die ähnlich schmeckt wie Maroni-kastanien und statt Zuchini isst man Pipiyan. Bei den Bananen gibt es drei Sorten, die normalen Bananen zum roh essen und zwei Sorten Kochbananen, Maduros und Platanos, die roh nicht genießbar sind.
Gemüse und Obst kaufen wir auf dem Markt, weil es billiger und frischer ist und außerdem, weil das Geld an Nicaraguaner geht und nicht an die Familie Pelas, die reichste Familie im Land, die ein Monopol auf sämtliches Gewerbe hat und erst recht nicht an Wal-Mart, dem die einzigen zwei Supermarktketten in Nicaragua angehören. Ebenfalls der Familie Pelas gehören die einzigen beiden Biermarken hier, Viktoria und Toña und wohl sämtliche Villen auf verschiedenen Isletas im Lago de Niacaragua, die nicht Ausländern gehören .
Was man auf keinen Fall auf dem Markt kaufen sollte ist Fleisch, aber da verzichtet man freiwillig darauf, wenn ma
n sieht, wie mittags die Fliegn in Horden über das rohe Fleisch herfallen, dass natürlich ungekühlt und ungeschützt auf dem dreckigen Markttisch ausgebreitet ist und die Verkäufer die ganze Zeit damit beschäftigt sind, mit einem dreckigen Lumpen die Fliegen wegzu wedeln. Auf den Fleischtischen befindet sich neben normalem Fleisch auch Zunge und sämtliche innere Organe, die die Tiere eben haben und man kann die Tiere auch ohne Probleme am ganzen Stück kaufen.
Nach diesem kleinen Exkurs zum Essen, nun etwas über die Armut im Land. Nicaragua ist ein Entwicklungsland und nach Haiti das zweitärmste Land Mittelamerikas. Gleichzeitig ist es aber, wie ich gestern in einem Gespräch erfahren habe, nach einem internationalen Index das Land mit den glücklichsten Bewohnern. Unabhängig davon, wieviel man von solch einem Glücklichkeits-index halten mag (ich nicht sehr viel), kann ich der Aussage nach meinen ersten Eindrücken hier zustimmen.
Die Armut ist vorhanden und man bekommt sie Tag für Tag zu spüren, wenn ich eben innerhalb von zehn Minuten, die ich von der Casa bis zum Supermarkt laufe, von ca 3 verschiedenen Kindern und alten Leuten um Geld angebettelt werde, einem beim Essen stets jemand was andrehen will, um ein paar Cordoba zu verdienen oder aber, wenn man bei einem Fest in der Stadt plötzliche fremde Händen in seinen Hosentaschen findet und die lauernden Blicke spürt, wenn man seine Kamera auspackt um ein Foto zu machen oder auch wenn man am Markt mit einem Hundert-Cordoba-Schein bezahlen will (ca 4 Euro) und die Marktfrau ihn mehrere Sekunden ungläubig ankuckt und in den Händen dreht, bis sie einem mitteilt, dass sie so viel Geld leider nicht wechseln kann.
Außerdem wurde in der kurzen Zeit, die ich erst hier bin, in der ersten Woche das Handy einer Freundin geklaut, in der zweiten Woche mein Fahrrad, obwohl es abgesperrt im Innenhof hier war und in der dritten Woche Geld aus der Wohnung geklaut. Das ist schon ein sehr unangenehmes Gefühl und es macht mich furchtbar wütend, weil ich Klauen nicht verstehen kann, auch nicht bei Armut. Trotz allem werde ich doch nachdenklich, wenn ich höre, dass ein kleines Mädchen einer Freiwilligen den Geldbeutel gestohlen hat und eine Stunde später dabei erwischt wurde, wie es mit eben diesem Geld Essen, Klopapier und ähnliches für die ganze Familie gekauft hat.
Was auch sein bisschen schwierig ist, ist abends was trinken gehen mit nicaraguanischen Freunden. Wir Europäer wollen in der Freizeit natürlich Ausflüge machen und abends mal in eine Bar. Da wollen wir natürlich gerne auch nicaraguanische Freunde dabei haben, aber ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll, dass einer am Schluss statt drei Bier, die er getrunken hat, nur eins bezahlen kann und zwei weitere uns bitten, ihnen Geld zu leihen. Das sind alles total nette Leute, aber ich leihe kein Geld an Menschen, die ich nicht so gut kenne und das fehlende Geld für das Bier haben wir Freiwilligen dann eben unter uns aufgeteilt. Auf Dauer ist das meiner Meinung nach aber keine gute Lösung und erst recht eine schlechte Basis für eine Freundschaft.
Zum Glück sind das aber Einzelfälle und man kann dem aus dem Weg gehen, indem wir wie so oft den Abend mit Freunden und Bekannten auf dem Balkon verbringen. Das macht genauso viel Spaß und man entgeht den Schwierigkeiten mit dem Geld.
Ansonsten ist die Armut im Zentrum von Granada, der Touristenstadt Nicaraguas, nicht sichtbar, die Fassaden werden jeden Tag nachgepinselt, es wird für Ordnung gesorgt und die Häuser sind alle herausgeputzt, aber sobald man in die Barrios, die Stadtviertel, hinausfährt oder auf dem Land ist, sind die Lebensverhältnisse sehr viel einfach und auch die Behausungungen oft nur behelfsmäßig mit Wellblechdach und allem Material, was wohl gerade zur Hand war.
Das Leben auf dem Land habe ich bei meinem Besuch in Malacatoya, einem Dorfentwicklungsprojekt der Casa de los Tres Mundos, kennengelernt. Malacatoya wurde beim Hurrican Mitch in den 90ger Jahren vollkommen zerstört und befindet sich nun seitdem im Wiederaufbau. Die Menschen dort leben zum Großteil von der Landwirtschaft und in Zusammenarbeit mit der Agraruni in Managua wird dort derzeit der Versuch gestartet, eine rein ökologische Landwirtschaft aufzubauen. Derzeit gibt’s damit zwar Probleme, weil es trotz Regenzeit zu wenig regnet und die Pumpe kaputt ist, aber der Ansatz zu Modernisierung ist da und mit biologischer Schädlingsbekämpfung reduzieren sich auch die Kosten

für Spritzmittel und ähnliches. Allerdings sind die Campesinos natürlich im Moment aufgrund des schlechten Ertrags noch nicht von dieser modernen, für sie ungewohnten Form der Landwirtschaft überzeugt, auch wenns momentan nur am Regen liegt. Die Familie muss dennoch ernährt werden und das brachten sie in einer Dorfversammlung vor einigen Wochen sehr deutlich zum Ausdruck. Alle Familien aus Los Angeles – einem Teil Malacatoyas – versammelten sich im Gemeindezentrum zusammen mit Dieter Stadler von der Casa und einigen Lehrern der Agraruni und die Bewohner brachten ihre Beschwerden und Probleme vor. Auch die Frauen und Kinder waren da und was mich total irritiert hat, war die Tatsache dass zwischendrin Oreo-Kekse und Coca-Cola an alle verteilt wurde. Die Familien können sich kaum ernähren und wohnen sehr einfach, aber es werden total teure amerikanische Produkte verteilt, um sich nach außen hin gut zu präsentieren. Der Einfluss der USA ist schon an solchen Kleinigkeiten sichtbar und Nordamerika weckt Konsumvorstellungen in den Menschen, die sich nicht erfüllen lassen.

Mittlerweile bin ich auch stolze Besitzerin einer handgebauten nicaraguanischen Gitarre. Sie ist wunderschön und klingt gut und insgesamt bin ich sehr zufrieden damit. Wie mir gesagt wurde, ist der Gitarrenbauer aus Masaya auch der Beste Nicaraguas. Ich freue mich schon auf die ersten Gitarrenstunden mit meiner neuen Gitarre, juhu!