Dienstag, 18. August 2009

Land, Leben und Leute

Nach mittlerweile 12 Tagen hier in Nicaragua gewöhne ich mich langsam an das Leben hier. Man gewöhnt sich daran, dass nicht den ganzen Tag fließend Wasser aus der Leitung kommt, dass uns weißen Frauen grundsätzlich jeder Mann hinterher pfeift und dass Busfahrer sich grundsätzlich weder an (nicht existierende) Fahrpläne noch an Verkehrsregeln halten. Das sind so drei Aspekte, die mir im Unterschied zum Leben in Deutschland sehr auffallen. Als ich mich auf einer Fahrt mit dem Jeep auf sehr unwegsamen Gelände angeschnallt habe, wurde ich darauf hingewiesen, dass wir nicht im Flugzeug sind und das Auto auch nicht gleich abheben wird – ich mich also nicht anschnallen muss. Die Busse fahren auch mit offenen Türen und fahren auf Straßen, die auf 50 km/h beschränkt sind grundsätzlich 80 km/h – mehr geben die Busse an Geschwindigkeit auch nicht her.
Das erklärt dann wiederum, warum man hier für alle Entfernungen dreimal mehr Zeit einrechnen muss als auf deutschen Autobahnen.

Soviel zu Nicaragua allgemein, nun zu meinem Leben hier.

Ich wohne hier in einer WG mit zwei österreichischen Zivis und einem nicaraguanischen Künstler und auch wenn der Haushalt mit drei Männern ein bisschen anstrengend ist, wohne ich sehr gerne hier mit ihnen zusammen. Außerdem ist fast immer Besuch da, der in unserem Apartment beherbergt wird, seien es ehemalige Freiwillige der Casa oder Bekannte, die von unserer Adresse über mehrere Adressen erfahren haben und sich für eine Nacht auf einer der Matratzen einquartieren. Von daher ist immer was los und ich lerne täglich neue Leute kennen. Auf Dauer befürchte ich aber, dass es auch anstrengend sein kann, wenn man immer wieder neue Leute kennenlernt, die bei einem übernachten wollen, aber das wird sich zeigen. Noch komme ich gut damit klar aber ich halte euch, liebe Website-Besucher, natürlich auf dem Laufenden.

Meine Wochenstruktur sieht zur Zeit folgendermaßen aus: Montags und Mittwochs kommen 4 Nicas (so wird die Bevölkerung hier genannt) in unser Apartment in der Casa de los tres mundos und Cornelius, ein Auslandsdiener (=Zivi) aus Österreich und ich bringen ihnen auf ihren Wunsch hin Deutsch bei. Allerdings sind ihre Vorkenntnisse begrenzt bis gar nicht vorhanden, weshalb wir letzte Stunde das deutsche Alphabet mit allen seinen Besonderheiten wie ß, ö, ä, ü und die Umlaute durchgenommen haben, was sehr lustig anzuhören war. Auf einmal merke ich, wie schwierig schon allein die Aussprache ist und am meisten amüsiert haben wir uns bei dem Wort “Knödel”. Letzten Donnerstag haben wir ein deutsch-nicaraguanisches Essen bei uns in der WG organisiert, zu dem ca 10 Nicas und 5 Deutsche bzw. Österreicher kamen und es gab improvisierte Knödel aus Toast mit Schwammerlsoße, während sich die Nicas um Tortillas, Guacemole und einen Grana-Fresco gekümmert haben. Dabei konnte gleich die wichtige Vokabel “Knödel” verwendet werden – sehr zu unserer Belustigung.

Aber zurück zum Thema, der Deutschkurs findet zweimal die Woche für 2 Std statt, wobei im Moment noch 99% Spanisch gesprochen wird und nur einzelne Wörter auf deutsch. Das wiederum hilft Cornelius und mir automatisch, unsere Spanischkenntnisse zu verbessern und alle profitieren von dieser Art von Unterricht. Zusätzlich gebe ich Freitag nachmittags noch Einzelunterricht in Deutsch für eine nicaraguanische Spanischlehrerin. Das Schöne ist, dass man bei ihr zu Hause auch immer reichlich mit leckerem Essen und Getränken versorgt wird – das verbessert die Lernatmosphäre sehr.

Neben dem Deutschunterricht findet zwei mal pro Woche Gitarrenunterricht statt, bei dem von 2-5 Uhr nachmittags Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Patio der Casa kommen, entweder um Gitarre spielen zu lernen oder auch nur um gemeinsam spielen zu können oder die Lieder zu üben, die man bereits kann. Es kommen auch viele junge Männer, die sehr gut spielen und von denen kann ich noch viel lernen. Was mir sehr auffällt, ist dass im Gegensatz zu anderen Instrumenten hier nur Männer Gitarre spielen und keine einzige Frau.
Leider kamen bisher nicht viele Kinder und mit Kindern Gitarre zu spielen macht mir einfach am meisten Spaß.
Die Musik und die Kunst ist sowieso ein Bestandteil des Lebens hier. Den ganzen Tag schallt Musik durchs Haus, egal ob klangvolle Blasorchester oder schiefe Geigenversuche, die leider genau vor der Tür unseres Apartments stattfinden. Allgemein ist es aber ein schönes Gefühl den ganzen Tag von fremden Klängen umgeben zu sein und letztens haben wir in einer Salsa-Bar die Familie eines Künstlers der Casa kennengelernt und wir haben bis 3 Uhr morgens zusammen auf dem Balkon der WG Gitarre gespielt und gesungen.
Die Kunst spielt insofern eine große Rolle, dass viele Nicas hier in der Casa, mit denen ich zu tun habe, wie z.B. Mein Mitbewohner Alejandro Maler oder Grafiker sind und hin und wieder auch Werke in der WG verstreut rumliegen.

Dienstags findet abends immer ein Kino statt, für dessen Organisation ich verantwortlich bin. Die Veranstaltung nennt sich “Videoteca del Sur” und es werden anspruchsvolle lateinamerikanische und auch internationale Filme für Erwachsene gezeigt, die ich aber nicht selbst aussuche. Das Ganze ist gratis, doch leider wird es recht schlecht besucht, da die Tonqualität nicht optimal ist und evt. auch einfach mehr Werbung nötig ist.

Zwischen den fixen Arbeitszeiten kümmere ich mich darum, dass das Wochenprogramm der kommenden Events immer aktuell ist und an alle Interessenten verschickt wird. Zudem aktualisiere ich laufend die Homepage der Casa de los tres mundos, was die Events betrifft und ich mache Übersetzungen für die verschiedenen Projekte hier im Haus, die ab ca Oktober auf einer neuen Website der Casa veröffentlicht werden.

Bei Bedarf hole ich aktuelle Informationen über bestimmte Projekte, wie die Theaterschule, das Dorfentwicklungsprojekt Malacatoya auf dem Land oder die Musikschule für meinen Verein Pan y Arte in Deutschland ein und mache Fotos, die dann für Spendenflyer verwendet werden.

Das ist momentan mein Aufgabenfeld und füllt meine Arbeitswoche gut aus. Mir sind aber die Hände nicht gebunden und ich kann mich überall einbringen, wo ich neue Ideen habe.
Es gab vor kurzem monatlich ein Kinderkino und ich würde mich gerne darum kümmern, das leider eingeschlafene Projekt wieder zum Leben zu erwecken.

Nach der Arbeit darf aber natürlich auch das Vergnügen nicht fehlen und da ist das Angebot in Granada sehr vielfältig. Am Wochenende kann man viele Ausflüge in der näheren Umgebung machen, wie das Baden in einer Lagune im Krater des Hausvulkans von Granada, dem Mombacho, den man natürlich auch besteigen kann. Direkt hier am See kann man eine Bootstour durch eine Gruppe von 365 Inseln (wie Tage im Jahr) machen oder auf den sehr schönen Markt in der nächsten Kleinstadt Masaya fahren. Die letzten beiden Wochenenden waren auch viele Feste in Granada, wie das Stierrennen in der Stadt, der Carneval und die Hipica (ein Pferdeumzug), bei dem die ganze Stadt auf den Straßen ist und bis tief in die Nacht auf den Straßen Merengue und Salsa tanzt. Das Nationalgetränk ist hier der Flor de Caña, der Rum, der auch unvergleichlich lecker schmeckt im Gegensatz zu deutschem Rum.

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