Sonntag, 27. September 2009

Es hat sich was getan


Ein bisschen was hat sich in den letzten Wochen getan – auch wenn ich nun an dem Zeitpunkt angekommen bin, wo ich von Alltag sprechen kann. Auch wenn er sehr abwechslungsreich ist und nicht ein Tag genau so aufgebaut ist wie der andere, wiederholen sich meine Tätigkeiten, ich mache viel mit denselben Leuten und es bildet sich etwas, was ich Freundschaft nennen würde.
Letztes Wochenende war ich auf einem Geburtstag von einem Mädchen eingeladen, die hier in der Casa auch im Chor singt. Es war eine große Feier mit der kompletten Verwandtschaft und allen Freunden, ein DJ war eingeladen und der Geburtstagskuchen ist mit einer deutschen Hochzeitstorte vergleichbar: dreistöckig, mit dicker Zuckerglasur in rosa, hellgrün und weiß und voll von pinken Zuckerrosen. Mein Geschenk, ein selbstgebackener Schokokuchen, sah daneben einfach nur lächerlich aus – auch wenn kaum einer glauben konnte, dass ich selber Kuchen backe. Hier macht man das nicht, hier kauft man stattdessen Hochzeitstorten.
Um Mitternacht kam dann als Überraschung ihr Freund mit seinem kleinen Orchester und spielte ihr eine “Serenata” bei Kerzenschein. Natürlich gab es auch viel Essen und das Nationalgetränk Macua in rauhen Mengen.
Das Interessante an der Feier war, dass ich erstmals unter ca 40 Gästen die einzige Chele war und den ganzen Abend nur mit Nicas verbracht hat. Um 3 Uhr nachts hat die Familie von Idannia, dem Mädchen, das gefeiert hat, ihre Camioneta aus der Garage gefahren und die restlichen 15 Gäste auf der Ladefläche unter lautem Gejohle einzeln nach Hause gefahren. Da war es dann schon ein komisches Gefühl, dass wir alle anderen in ihre Barrios (den ärmeren Stadtvierteln Granadas) in ihre schlichten, einstöckigen Häuser gebracht hatten und ich mitten im Zentrum vorm prächtigen Kolonialbau rausgelassen wurde und alle gestaunt haben: Wow, du wohnst hier?
Die Mädls und Jungs von diesem Abend sind fast alle im Chor der Casa de los Tres Mundos, daher sehe ich sie auch recht oft und ich verstehe mich gut mit ihnen.
Entgegen meiner Vorstellung, dass ich in Nicaragua immer mit langen Hosen, unauffälliger, nicht zu freizügiger Kleidung herumlaufen werde, kam ich mir auf dieser Feier in Jeans, Lederflipflops und T-Shirt vor wie das hässliche Entlein, weil alle Mädls mindestens 10 cm Absatz hatten, das Kleid kurz unter dem Po endete und einen tiefen Ausblick in ihren Ausschnitt bot. Zudem waren die Köpfe behängt von glitzernden Ohrringen und die Lippen wie die Augen verführerisch geschminkt.
Das ist nur ein Beispiel, wie ich mich vor meiner Ankunft hier in Nicaragua getäuscht hatte.
Von ehemaligen Freiwilligen wurde berichtet, es gäbe in Nicaragua kein Deo und ich müsste einen Vorrat fürs ganze Jahr mitnehmen. Zudem müsse man jedem Hund Steine hinterherschmeißen, weil sie so aggressiv wären. Wir können jetzt nur herzlich darüber lachen bei der Vorstellung, dass ein Chele hier in Granada überall Steine aufsammelt und sie den armen Hunden hinterherwirft und schmunzeln bei dem breiten Sortiment an Deodorants, das der Markt bietet.

Doch nun noch ein bisschen zu meiner Arbeit, auch hier hat sich ein bisschen was getan:

Auf einem Flamenco-Fest einer meiner Deutschschülerinnen habe ich eine Freiwillige aus Deutschland kennengelernt, die hier in Granada ein Vorschulprojekt im Markt unterstützt. Diese Schule ist nur für die Kinder der vielen Marktfrauen, damit die Kinder nicht den ganzen Tag den Eltern beim Verkaufen helfen müssen, sondern ihr Recht auf Bildung und Spielraum wahrnehmen können. Mein Beitrag war nun, dass ich bereits zweimal mit Marcela, meiner Deutschschülerin und Ina, der Voluntaria, die Schule besucht habe und wir gemeinsam alle Tische und Stühle, die bis dahin aus schlichtem Holz gezimmert waren kindergerecht in knallbunten Farben anzumalen. Einmal waren auch die Kinder dabei, um sie an der Arbeit an ihrer Schule zu beteiligen und sie sind natürlich auch wahnsinnig stolz auf ihre eigenen neuen Stühle – auch wenn es dadurch länger gedauert hat und die Kleckserei verschlimmert wurde, war es toll mit den Kindern gemeinsam zu pinseln.

Zudem bin ich seit Dienstag im neu gegründeten Gitarrenorchester der Casa. Wir sind ca 10 Leute – 9 Männer und ich - und spielen bisher recht einfache 4-stimmige Lieder. Soweit ich das richtig verstanden habe, soll es an Weihnachten eine erste Aufführung geben, da bin ich mal gespannt.

Ansonsten kann ich von einem neuen kulinarische Erlebnis der besonderen Art berichten: Mein Mitbewohner Alejandro hat vor einer Woche vom Mercado Oriental in Managua, der als der größte und auch gefährlichste Markt Zentralamerikas gilt, Garnelen, Muscheln und Schildkröteneier mitgebracht. Die Muscheln wurden roh zubereitet und gegessen und die Schildkröteneier waren beim Essen zumindest auch nicht hart. Als er mir erklärte, diese weißen runden Eier seien “Huevos de tortugas” habe ich es erst nicht glauben können, ihn dann geschimpft, wie er Schildkröteneier kaufen kann, doch letztendlich – wo sie schonmal da waren und ich wohl nie mehr im Leben Schildkröteneier auf dem Teller haben werde – eine probiert. Mit viel Zwiebelsoße und Chili waren sie, liebe Tierfreunde, bis auf die schleimige Konsistenz sogar echt lecker.

Seit ein paar Wochen haben wir uns angewöhnt, immer mal wieder nicaraguanische Tageszeitung zu lesen. Es heißt, es gibt keine Pressezensur und obwohl wir extra die seriöseste Zeitung La Prensa kaufen, ist der Inhalt für meinen Geschmack sehr auf Skandale und waghalsige Prognosen ausgelegt. Ein Beispiel:

Dieses Jahr ist ein Jahr des Klimaphänomens El Niño. Eigentlich ist zur Zeit Regenzeit, doch gerade herrscht extreme Trockenheit, was schlecht für die ganze Ernte ist und man bangt zudem schon um die Wasservorräte in der bald anstehenden Trockenzeit. Der El Niño in diesem Jahr wird mit dem von 1997 verglichen, dessen Folge der schwerste Hurricane Nicaraguas in den geschichtlichen Aufzeichnungen war. Die aktuelle Trockenheit ist allerdings noch schwerwiegender und somit werden in “La Prensa” zwei Katastrophen prophezeit.
Möglichkeit 1: Es kommt ein Hurricane, der schlimmer ist als der Hurricane Mitch von 1997, der damals ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht hat und die Straßen in reißende Bäche verwandelte. Dann kann man über Tage das Haus kaum verlassen, wir können uns freuen, dass wir im ersten Stock wohnen und keine Hochwasserprobleme haben und müssen unsere Fenster, die kein Fensterglas haben, verbarrikadieren.
Möglichkeit 2: Die zweite Horror-Nachricht war, dass warum auch immer, genau das Gegenteil eintritt und Nicaragua sich in eine Staubwüste verwandelt und die Wasservorräte schon vor Beginn der Trockenzeit zur Neige gehen.

Mir kommt beides absolut übertrieben vor – mal abwarten!

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