Dienstag, 6. Juli 2010

Nicaragua feiert - Palo de Mayo, Hochzeit und die WM


Der ganze Monat Mai steht an der Atlantikküste Nicaraguas ganz im Zeichen der Festtage zu Ehren der Fruchtbarkeit der Mutter Erde. Karneval, Umzüge durch die Stadt, viel leckeres Essen und vor allem ausgelassene Tänze mit kräftigem Hüftschwung sind kennzeichend für das Karibikfestival “Palo de Mayo”. Diese wilden Tänze sollten zu Zeiten der spanischen Eroberung die feinen spanischen Herren schockieren.

Die Atlantikküste Nicaraguas hat eine gewisse Autonomie gegenüber dem Einfluss der ehemaligen spanischen Kolonialherren gewahrt, was unter anderem dem unbewohnten und kaum besiedelten Dschungelgebiet zu verdanken ist, das die stark bevölkerte Pazifikseite Nicaraguas von der Atlantikküste geografisch trennt und somit schwer zugänglich macht.

Eine einzige Straße führt dorthin und auf halber Strecke geht die Fahrt auf dem Fluss weiter, der sich seinen Weg durch den Regenwald bahnt. Der starke Unterschied der beiden Regionen ist deutlich spürbar – Während bei uns in Managua, Granada und Umgebung ausschließlich spanisch gesprochen wird, sprechen die Bewohner der Costa Atlantica Kreolisch (ein Dialekt des Englischen) und Misquito, eine indigene Sprache. Die Hautfarbe der Costeños ist deutlich dunkler und der Einfluss der hellen, europäischen Haut hat sich nicht durchgesetzt. Zudem gibt es mehr Armut, da viele Menschen von Fischerei leben und andere Wirtschaftszweige sehr schwach ausgeprägt sind.

Was ich bei einem Besuch vor einigen Wochen besonders genossen habe, war das leckere Essen an der Atlantikküste, das fast immer mit Kokosmilch zubereitet wird – die Spezialität dort ist “Rondon”, eine Suppe aus Meeresfrüchten mit Kokosmilch. Auch das übliche “Gallo Pinto” (Reis mit Bohnen) ist mit Kokosmilch eindeutig besser und Nachspeisen aus Kürbis, Fisch in allen Variationen und Kokosbrot verwöhnten unseren Gaumen. Mmmhh!

Von Bluefields aus, der Stadt des Festivals, besteht die Möglichkeit auf die Robinson-Crusoe-Inseln Nicaraguas, die Corn Islands überzusetzen – mit Zementsäcken, Schweinen, Hühnern und Bambusholz auf dem Schiff im karibischen Meer fühlt man sich dem Piratendasein schon sehr nahe.

Letztes Wochenende war ich auf der Hochzeit einer nicaraguanischen Freundin eingeladen. Für mich war das die erste Hochzeit in Nicaragua und was wirklich typisch Nica war, war das vorherrschende Chaos sowohl bei der Planung als auch bei der Feier selbst.

Die Nervosität des Bräutigams wurde durch die Tatsache, dass die weiße Pferdekutsche mitsamt der Braut eine halbe Stunde zu spät in der Kirche eintraf nicht unbedingt gemindert. In der Zwischenzeit sank die Motivation des Pfarrers, einen schönen Gottesdienst zu gestalten, auf den Nullpunkt, bis er ernsthaft drohte, die Hochzeitsmesse abzublasen, wenn die Braut nicht innnerhalb von 5 Minuten einträfe.

Zum Glück fand die Trauung letztendlich statt und nach dem Gottesdienst, der einem deutschen katholischen Gottesdienst sehr ähnelte, ging die Feier im Haus einer Freundin weiter. Beim Eintreffen des Brautpaars wurde Reis über ihre Kopfe gestreut – der Reis bringt Glück und ist auch wirklich sehr typisch für dieses Land.

Insgesamt war die Feier mit Salsa, Merengue und viel Musik schön, für meinen Geschmack allerdings ein wenig unpersönlich und nicht so feierlich, wie ich das von bayerischen Hochzeitsfeiern her kenne.

Da es in diesem Bericht um Feiern aller Art geht, gehört die Feier des ersten WM-Sieges Deutschlands auch dazu. Mit selbstgemalten Fan-T-Shirts und Kriegsbemalung in schwarz-rot-gold zogen wir gemeinsam mit nicaraguanischen und deutschen Freunden los, um uns um 12:00 mittags das Spiel anzuschauen. Wir waren die einzigen Deutschland-Fans, doch mit der tatkräftigen Unterstützung der Nicas, die auf unserer Seite sind (da Nicaraguas Nationalmannschaft sich sowieso nicht für die WM qualifiziert hat) und halbwegs einstudierten deutschen Fußballliedern haben wir gemeinsam den Sieg gefeiert - ein wichtiger Schritt im Rahmen des deutsch-nicaraguanischen Kulturaustauschs.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Mein Leben und ich

Von Kinderkino über Müllsäuberungsaktion bis zu einem Besuch der Deutschen Welle war der letzte Monat von einigen Highlights gespickt – deswegen dreht es sich diesmal um mein Leben in Nicaragua mitsamt seinen schönen und frustrierenden Momenten.

Das schon seit längerem geplante Open-Air-Kino für Kinder habe ich nun vor einem Monat endlich in die Tat umgesetzt. 40 Kinder und Eltern tauchten in die Welt des kleinen Hundes Bolt auf und das kostenlose Kino auf dem Stadtplatz am Samstagabend war somit wirklich ein Erfolg!

Weniger erfreulich war leider die Vorbereitung und Organisation meinerseits, da ich vonseiten der Mitarbeiter der Casa wenig bis gar keine Unterstützung bekam.


Obwohl mein Vorhaben im Vorhinein mit einem Kopfnicken abgesegnet wurde, erfuhr ich erst in letzter Minute, dass die vermeintliche Hilfsbereitschaft darauf hinauslief, dass die Kosten fuer den Techniker und die Werbung von mir übernommen werden müssen. Am Tag der Veranstaltung erklärt mir der Techniker, dass ihm schon von vorneherein klar war, dass es um 5:00 natürlich noch zu hell für die Open-Air-Veranstaltung sei, was ihm jedoch eine Stunde vor Veranstaltunsgbeginn ein bisschen spät einfällt. Wie gut, dass Unpünktlichkeit in Nicaragua nicht kritisiert wird. In diesem Moment habe ich schon darüber nachgedacht, warum ich meinen Samstagabend damit verbringe, wenn nicht das geringste bisschen Anerkennung zu spüren ist?

Zum Glück läuft das nicht immer so – beim Kinderfest zum 1.Geburtstag der Kinderbibliothek in Malacatoya freut die Leiterin Milagros (Der Name bedeutet übersetzt “Wunder”) sich über jede Mithilfe und mit einem Clown, Kinderschminke, Musik, Tanz und Geschichten vorlesen genossen alle versammelten Piraten, Schmetterlinge und Prinzessinnen aus dem Dorf den Vormittag.

In Malacatoya ist die Bücherecke zudem das einzige Freizeitangebot für Kinder und somit täglich eine Anlaufstelle für die Kinder des Dorfes.

Kaum zurück aus dem Dorf, hatte ich nachmittags eine Verabredung mit einer Reporterin der Deutschen Welle, die eine Reportage über die Casa und insbesondere das Projekt “LOCREO” machte, das in den ärmeren Vierteln Granadas stattfindet und ich schlüpfte in die Rolle der Dolmetscherin.

Die Musiklehrer des Projekts “LOCREO” arbeiten nach dem Prinzip der “Lengua Maternal”, der Muttersprache. Die Idee dahinter ist, dass man als Kleinkind sprechen lernt, ohne lesen oder schreiben zu können – somit kann ein Kind auch Musik machen und singen, ohne Noten lesen zu können. Dieses Prinzip setzen die Lehrer durch leichte Rhythmusübungen und Singspiele um. Die Kurse sind kostenlos und die Kinder sollen so von früh auf mit der Musik vertraut werden und Gefallen daran finden, da im Alltagsleben in den Familien kein Zugang zum Musik machen gegeben ist.

Neben diesem schönen Projekt nun zu einer weniger schönen Angelegenheit, die ich bereits mehrfach in Berichten erwähnt habe: Nicaragua und der Muell.

Am Rande von Managua liegt von üppiger Vegetation umgeben die Laguna de Nejapa, ein See, der wunderschön sein koennte. Allerdings führt das Kanalsystem der Großstadt mit all seinem verunreinigten Abwasser und Müll direkt in diese Lagune, die somit weder als Trinkwasservorrat noch als idyllisches Naherholungsgebiet genutzt werden kann.

Einmal im Jahr wird eine “Jornada de Limpieza”, eine Säuberungsaktion, veranstaltet, die vom nicaraguanischen Militär mit Militärfahrzeugen zur Personenbeförderung zur Lagune und zur Müllentsorgung von der Lagune weg unterstuetzt wird.

Eine engagierte nicaraguanische Freundin lud mich ein, bei dieser von Nicas organisierten Aktion mitzumachen und so verbrachte ich einen heißen Sonntag mit Gummihandschuhen und Müllsack mit Freunden am Ufer der Lagune, um den groben Müll zu entfernen. Insgesamt waren 1000 Leute beteiligt, doch nach 3 Stunden immer noch auf denselben 10 Quadratmetern Plastikflaschen, Schuhe, Glas und noch mehr Plastik aufzusammeln und noch kein Ende zu sehen, macht einem das Ausmaß der Verschmutzung noch einmal deutlich bewusst – vom Gestank und Inhalt der Lagune selbst mal ganz abgesehen.

Stinkend, verschwitzt und ein bisschen nachdenklich machten wir uns somit auf den Nachhauseweg, doch das Schöne war, dass diese Aktion – wie so viele andere Umweltaktionen - einmal nicht von Ausländern organisiert war, sondern die Initiative von vielen engagierten Nicas ausging, die die Schätze ihres eigenen Landes bewahren wollen.

Dienstag, 27. April 2010

Der Regen ist zurück!

Nachdem ich in den letzten zwei Tagen die stärksten Gewitter mit den stärksten Regenfällen meines Lebens erlebt habe, bin ich überzeugt davon, dass die Trockenzeit überstanden ist. Der letzte Monat war mit Temperaturen von ca. 38° im Schatten wirklich unerträglich und somit freut sich hier jedermann über ein Stündchen Regen pro Tag.

In diesem Zusammenhang muss ich auch mal bemerken, dass mir vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal aufgefallen ist, dass es in den Medien keinen Wetterbericht gibt und das Wetter auch im alltäglichen Smalltalk keine Rolle spielt.

Wenn man kurz darüber nachdenkt, macht das auch Sinn. Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten: Regenzeit (Winter) von Mai-Oktober und Trockenzeit (Sommer) von November bis April.

Innerhalb dieser Jahreszeiten kann man sich drauf verlassen, dass den ganzen Tag die Sonne scheint - mit einer kleinen Unterbrechung durch Starkregen am Nachmittag während der Regenzeit. Dass Ausflüge oder Aktivitäten ins Wasser fallen ist also allgemein sehr unwahrscheinlich.

Über was ich nachdenke, wenn ich mir gerade keine Gedanken übers Wetter mache...

Wenn ich ab und zu wieder Statistiken über Nicaragua sehe, staune und erschrecke ich oftmals über Zahlen wie das Durchschnittsalter von 17 Jahren (!), die Arbeitslosigkeit von 25% und Analphabetismus von 36%.

Nun bin ich immerhin seit mehr als 8 Monaten im Land und natürlich entgeht mir nicht, wie viele Kinder und Jugendliche im Verhältnis zu älteren Menschen gibt und ebenso kenne ich selbst genug Nicaraguaner auf der Suche nach einer (vernünftigen) Arbeit und das unzureichende Bildungssystem ist mir auch kein Fremdwort – trotzdem finde ich die Vorstellung falsch, die diese Zahlen von dem Land vermitteln.

Nun wird mir bestimmt der ein oder andere vorwerfen, dass Granada nunmal die wohlhabendste Stadt in Nicaragua ist, worauf ich erwidern kann, dass ich nun doch schon auch ländliche Regionen und Managua kenne.


Trotzdem widerstrebt mir dieser negative Eindruck, den solche Zahlen vermitteln, weil ich dieses Land wirklich sehr schätze, sehr gerne hier bin und trotz aller Probleme das Leben in Nicaragua lebenswert ist.

Was ich damit sagen will, ist, dass solche Zahlen einen nicht abschrecken sollten, sich irgendwann einmal ein eigenes Bild von einem Entwicklungsland zu machen, denn das ist sehr anders als das Klischee mitsamt seinen Bildern und Zahlen von Entwicklungsländern auf vielen Spendenflyern.

Trotzdem will ich euch nicht einen guten Bericht vorenthalten, dem ich genau die oben genannten Statistiken entnommen habe, denn diese Zahlen sind nunmal Realität.

Da der Bericht stolze 24 Seiten umfasst und ich weiß, dass sich keiner die Mühe machen wird, ihn komplett zu lesen (auch wenn er es wert ist), möchte ich euch das für mich sehr wichtige Thema der sogenannten „Zonas Francas“ in Tipitapa, Nicaragua, nicht vorenthalten und ein wenig zusammenfassen.

Zonas Francas“ sind Sonderwirtschaftszonen. Diese findet man vor allem in Entwicklungsländern, in denen die Löhne für Arbeitskräfte sehr niedrig sind.

Bevorzugt asiatische Textilfabriken siedeln sich in Nicaragua an und deren Vorteil sind die günstigen Arbeitskräfte (ca 50-80 Cordoba pro Tag = 2,50- 4US$=ca 2- 3 €), große Steuererleichterungen und bei der Einhaltung von Arbeitsbedingungen und Mindestlöhnen wird schonmal ein Auge zugedrückt oder diese Bestimmungen werden geschickt umgangen.

Der offizielle Mindestlohn in Nicaragua beträgt aber ohnehin nur 1298 Cordoba im Monat (=ca 65 US$), was immer noch weniger als die Hälfte der Summe ist, die benötigt wird, um die Grundbedürfnisse eines Nicaraguaners zu decken.

Modemarken, die speziell in Nicaragua produzieren sind z.B. Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Gap etc und die Waren werden zu 99% in die USA exportiert.

An einer Jeans, die in den USA für 50 US$ verkauft wird, verdient die Arbeiterin in Nicaragua 0,50 US$, also gerade einmal 1%.

Von dem Lohn eines Arbeiters muss meist die ganze Familie ernährt werden und 85% der Arbeiter in Zonas Francas sind Frauen.

Warum erlaubt bzw fördert der Staat diese Sonderwirtschaftszonen?

Das einzige Argument ist, dass somit viele Arbeitsplätze (vor allem für ungebildete Menschen) geschaffen werden. Das stimmt auch, doch unter den aktuellen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen erreichen die „Zonas Francas“ nicht ihr Ziel: nämlich die Wirtschaft Nicaraguas anzukurbeln als „Motor für eine bessere Zukunft“.

Eine Freundin von mir hat in Managua Informatik studiert und ihren Bachelor beendet. Außerhalb der Zonas Francas findet sie trotz ihrer guten Qualifikation keine Arbeit und da für sie eine Arbeit in einer Sonderwirtschaftszone nicht in Frage kommt, wird sie nun wohl ins Ausland gehen und ihr Studium fortsetzen.

Allein eine bessere Bildung scheint also auch nicht auszureichen, um die wirtsch. Situation zu verbessern, wenn in Nicaragua dann nach Beendigung der Ausbildung keine Arbeit für gebildete, junge Menschen vorhanden ist.

1Tipitapa en las Zonas Francas: Bilder, Geschichten, Fakten und Träume aus dem Nicaragua der Sonderwirtschaftszonen ; (Zusammenarbeit: Casa Tres Mundos, Pan y Arte, Kulturland Oberösterreich)

Freitag, 16. April 2010

Ticos und Nicas - ein Nachbarschaftsstreit

Nicaragua und Costa Rica: Zwei kleine Länder in Mittelamerika, beides ehemalige Kolonialstaaten der spanischen Krone, die natürlichen Bedingungen der beiden Länder sind sehr ähnlich, die Musik im Radio ist diesselbe, die Bewohner beider Länder sprechen ein und diesselbe Sprache – und doch sind Costa Rica und Nicaragua so unterschiedlich und die Bewohner des jeweiligen Landes haben kaum ein gutes Wort für den anderen übrig.

Vor zwei Wochen war ich trotz aller Warnungen und negativer Berichte der Nicaraguaner ein paar Tage in Costa Rica und habe mir selbst einen Eindruck von der „Grünen Schweiz Mittelamerikas“ gemacht.

Diese Bezeichnung kommt daher, da Costa Rica ein winzig kleines Land ist, das nicht in das Klischee eines typischen lateinamerikanischen Landes passt: Es herrscht weder eine blutrünstige Militärdiktatur noch ist es wirtschaftlich schlecht gestellt – im Gegenteil: Politische Stabilität und sozialer Frieden ist kennzeichnend für die Politik. Im Umweltschutz liegt Costa Rica ganz vorne und das Müllproblem wie z.B. in Nicaragua ist nicht vorhanden.

Schon an der Grenze nach Costa Rica bekam ich zu spüren, wie unterschiedlich das System in Nicaragua und Costa Rica ist und dass die Ticos (Bewohner Costa Ricas) es schon mir als Europäerin schwer machen, in ihr Land zu reisen und dann kann man sich vorstellen, wie das für einen Nicaraguaner ist, der im Land nicht erwünscht ist.

Mir wurde gesagt, dass ich mit dem Busunternehmen TICABUS bereits in kurzen 4 Stunden über die Grenze nach Costa Rica komme.

An der Grenze allerdings mussten alle aussteigen und innerhalb 20 Minuten wurde mein Reisepass um einen Ausreisestempel aus Nicaragua erweitert. Ein Lärmen am chaotischen Busbahnhof und 10 dickliche Nica-Frauen, die in kreischender Stimme ihre Waren anpreisen, bin ich aus Nicaragua gewohnt.


Lange Verzögerungen kenne ich auch zur Genüge, doch mit einem zweieinhalb-stündigen Einreiseprozess hat sich die costaricanische Einwanderungsbehörde selbst übertroffen. Einstündige Warteschlangen, unfreundliche Beamten, modernes Grenzrestaurant statt Quesillo-Frauen, noch eine Schlange, bei der jeder Koffer einzeln geöffnet wird, um ihn undurchsucht wieder zu schließen, sind mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich nicht im ersten Moment erwünscht gefühlt.

Fakt ist, dass Costa Rica von nicaraguanischen Einwanderern nicht gerade begeistert ist, da dies meist ungebildete Arbeitskräfte sind, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind und von der hohen Wirtschaftskraft und dem guten Sozialsystem der Ticos profitieren wollen.

Dieses starke wirtschaftliche und soziale Gefälle und dieses Aufeinandertreffen von ein wenig Überheblichkeit der Ticos auf die Missgunst der Nicas führt zu dem schlechten Gerede der einen über die anderen.

Positiv an Costa Rica kann ich bemerken, dass das Umweltbewusstsein der Ticos tatsächlich sehr hoch ist und die Straßenränder nicht zu Mülldeponien umfunktioniert wurden und alle Sitze im Auto mit Anschnallgurten ausgestattet sind, was in Nicaragua auch selten anzutreffen ist.

Den Reichtum, unter anderem aufgrund des Tourismus, spürt man anhand von riesigen Food Malls, überdimensionalen Einkaufszentren und Straßen, die kilometerweit von Luxushotels, Massagezentren und zahl-reichen Öko-Lodges gesäumt sind.

Für den Ökotourismus ist Costa Rica auch bekannt und die Natur um die Hotels herum ist wirklich wunderschön – von Vulkanwanderungen über Regenwaldbesuche mit Tierbeobachtung bis hin zur Entspannung an Pazifikstränden ist für jeden was dabei.

Doch die interessante Frage ist letztendlich: Wie kam es dazu, dass zwei Länder mit so ähnlichen Ausgangsbedingungen einen so unterschiedlichen Entwicklunsstand haben – noch dazu, wo Nicaragua vor nur 15 Jahren noch reicher war als Costa Rica?

Die Komplexität der Antwort auf diese Frage und mein dafür nicht ausreichendes Wissen über die Vergangenheit und Gegenwart dieser beiden Länder erlaubt es mir leider nicht, eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage zu finden, doch Faktoren wie unzählige Kriege und Krisen, Korruption, politische Fehler, unzureichendes Bildungssystem, Ausbeutung durch andere Länder etc. spielen bestimmt eine große Rolle.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Viva la Poesía!

Die Poesie ist der Engel der Fantasie”: Unter diesem Motto steht das diesjährige Internationale Poesiefestival in Granada. Poeten aus aller Welt sind hierher nach Granada gereist um eine Woche lang dieses Festival literarisch zu begleiten. Jeder Tag ist gefüllt mit Poesie-Lesungen, Konzerten, Tanzvorführungen, Umzügen durch die Stadt und zwischendrin hat man die Möglichkeit auf der Tourismus-, Bücher- oder Kunsthandwerksmesse zu stöbern.

Im Gegensatz zu Deutschland nämlich , wo ich das allgemeine Interesse an Poesie als eher gering bezeichnen würde, hat hier in Nicaragua fast jeder Jugendliche ein Notizbuch, das mit eigenen Gedichten und mit den Lieblingsgedichten von bekannten Poeten gefüllt ist.

Die Poesie spielt daher in Nicaragua eine viel größere Rolle im täglichen Leben, als ich das aus Europa kenne. Das sieht man auch daran, dass alle Veranstaltungen während dem Festival sehr gut besucht sind und vom Kind bis zu den Großeltern alle Altersklassen vertreten sind.

Die Casa de los Tres Mundos ist als Kulturzentrum sehr stark in die Organisation des Festivals mit eingebunden. Hier im Patio sehe ich täglich viele der angereisten und einheimischen Dichter und ich selbst unterstütze den Kulturdirektor bei der Vorbereitung der Vorlesungen.

Zudem habe ich die Aktion “Literatura para cortar” (Literatur zum Pflücken) zusammen mit einer anderen Freiwilligen aus Managua veranstaltet.

Im Stadtpark und auf dem Platz vor dem Kulturzentrum haben wir an allen Säulen und Laternen viele, viele kleine Gedichte auf Abreißzetteln aufgehangen und jeder, der mochte, konnte sich im Vorbeigehen ein oder mehrere Gedichte abnehmen und sich für einen Moment an diesem Gedicht erfreuen.

Nachdem wir eine Stunde Zettelchen für Zettelchen an unseren Literaturbäumchen befestigt hatten, waren auf dem Rückweg die meisten Säulen auch schon zum Großteil abgeerntet.

Im Rahmen des Poesiefestivals kommen natürlich viele nationale Künstler nach Granada, so auch der Poet und Revolutionär Ernesto Cardenal und die Autorin und Poetin Gioconda Belli, die interessanterweise in Deutschland berühmter zu sein scheint als hier in Nicaragua.


Wer Lust hat Ernesto Cardenal als wichtige Persönlichkeit in Nicaragua in München persönlich kennenlernen will, kann sich Tickets für die Konzertlesereise “Den Himmel berühren” mit Musik und Gedichten über Liebe, Revolution, Gott und die Welt am 9.März um 19:00 in der Kreuzkirche besorgen. Das Ganze wird von Grupo Sal, einer Musikgruppe von Musikern aus ganz Lateinamerika, musikalisch begleitet.

Seit einigen Wochen habe ich mit meinem österreichischen Mitbewohner eine eigene Radiosendung im freien Radio Volcán und auf der Frequenz 102.9 gestalten wir jeden Mittwoch von 19:00 bis 20:00 eine Musiksendung mit Musik, die kein Reaggaeton oder Bachata ist. Diese beiden Musikrichtungen werden hier mit anhaltender Begeisterung der Zuhörer rauf-und runtergespielt, aber wir wollen ein bisschen Abwechslung ins Programm bringen und vor allem Musik spielen, die hier nicht so bekannt ist. Unsere letzten Themen waren “Reggae, aber ohne Bob Marley” (Reggae wird hier leider oft mit Reggaeton, einer Art Hiphop mit ausschließlich sexistischen Texten, verwechselt), eine musikalische Reise durch Lateinamerika vom Süden bis in den Norden (von Andenmusik über Mambo bis Salsa), Rock aus den 80gern und 90gern oder Musik aus dem Balkan.

Die Nachtaktiven unter euch können sich die Live-Übertragung im Internet donnerstags um 02:00 morgens deutscher Zeit unter www.volcanradio.com anhören.

Das Radio Volcán ist frei zugänglich für alle und soll der Bevölkerung, insbesondere den Jugendlichen ein Forum bieten, ihre Bedürfnisse und Gedanken öffentlich machen zu können. Jeder Interessierte kann dort eine eigene Sendung gestalten, was auch von einigen Jugendlichen wahrgenommen wird.

Die neue Homepage der Casa de los Tres Mundos ist nun nach langer Anlaufzeit auch endlich online und wer sich dafür interessiert, was hier im Kulturzentrum noch alles passiert und das Ergebnis einer von zwei Freiwilligengenerationen erstellten Homepage sehen will, klickt sich einfach durch auf: www.c3mundos.org.

Nun noch ein paar abschließende Worte, die auch jede Veranstaltung des Poesiefestivals beenden:

Poet: Viva la Poesia!

Menge: Viva!

Poet: Viva Nicaragua!

Menge: Viva!

Dienstag, 19. Januar 2010

Es war einmal...

Nicaragua ist ein Land der Märchen, Sagen und Legenden und der Aberglaube ist tief in den Menschen verwurzelt.

So ist mir zu Ohren gekommen, dass in der Laguna de Apoyo tatsächlich eine Meerjungfrau wohnt, die in den letzten Jahren auch wirklich schon mehrmals von Menschenaugen gesichtet wurde und dass man die eingezäunten Wiesen auf der Vulkaninsel Ometepe besser nicht betreten sollte, insofern man nicht augenblicklich von der Hexe Charco Pico in eine Kuh verwandelt werden möchte. Mit Überzeugung warnen einen die Einheimischen davor.

Der Ursprung der letzteren Drohung der Verwandlung ist jedoch nachzuvollziehen, wenn man berücksichtigt, dass so früher Recht und Gesetz funktionierten. Niemand traute sich auf diesen Wiesen sein Lager aufzuschlagen und das Land zu besetzen, immer mit der Angst im Nacken am nächsten Morgen im Körper einer Kuh aufzuwachen.

Ich kenne eine schwangere junge Frau, die bei Vollmond keinesfalls das Haus verlässt, damit das Baby nicht mit roten Flecken auf dem ganzen Körper auf die Welt kommt – so wie es im Volksmund prophezeit wird. Wenn man das Haus aber dringend verlassen muss, so muss man schwarze Kleidung und rote Unterwäsche tragen. Worin bei diesem Aberglaube der tiefere Sinn steckt, ist mir nicht ganz klar, doch vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass man im schwangeren Zustand alle Anstrengungen vermeiden sollte und sich besser zu Hause ausruhen sollte.

So sind (zum Teil) kluge Ratschläge und Verbote in alte Legenden verpackt und in den Dörfern ist dieses Phänomen noch ausgeprägter als in der Stadt. Die “Pueblos Blancos” (Weiße Dörfer) um die Laguna de Apoyo heißen beispielsweise so, weil früher die weiße Magie eine wichtige Rolle spielte und nicht wie die spanischen Pueblos Blancos aufgrund ihrer weißgetünchten Häuser. Davon ist heute noch die Kräuterheilkunde übriggeblieben, so gibt es viele Hausrezepte mit regionalen Pflanzen für die üblichen Krankheiten – sehr typisch ist ein Tee aus “Zacate Limón” gegen Husten.

Doch auch in der Casa de los Tres Mundos spukt es – unser Hausgeist heißt Adela. Er schleicht sich nachts die Treppen in den ersten Stock hoch, dreht im Badezimmer die Dusche auf, macht das Licht an und sperrt die Tür anschließend von innen zu. Wenn wir nun nachts spät nach Hause kommen, hören wir gelegentlich schon von weitem das Wasserrauschen und sehen das Licht - finden aber eine von innen verschlossene Badezimmertür vor.

Folgende Geschichte dazu stammt von der Enkelin Adelas der Cardenals-Familie:

Adela wohnte vor über hundert Jahren hier in der Casa de los Tres Mundos, als die Casa noch ein Wohnhaus war. Sie hatte sieben Kinder und eines Tages erkrankte

sie aufgrund eines Hundebisses an Tollwut und starb. Ihre sieben Kinder sehnten sich so sehr nach der Mutter, dass Adela in Form ihres Geistes wieder zurück in die Casa kam und seitdem des Nachts hier herumspukt.

In den Legenden Granadas heißt es zudem , dass es vom heutigen Kulturzentrum aus einen unterirdischen Geheimgang bis zum Kloster gibt, von wo aus es einen Fluchtweg aus der Stadt hinaus geben soll.

Dieser soll zur Zeit der großen Piratenangriffe Granadas als Fluchtmöglichkeit vor den Piraten für die Bewohner Granadas entstanden sein.

Was kein Märchen ist, aber mittlerweile auch Vergangenheit, war mein diesjähriger Geburtstag, mein Weihnachtsfest und Neujahr.

Klassisch nicaraguanisch habe ich an meinem Geburtstag um 12:00 eine Piñata geschenkt bekommen. Das ist eine buntbeklebte Figur aus Pappmaché, die mit Bonbons gefüllt ist. Sie wird an einer Schnur beweglich an der Decke aufgehangen und jemand bewegt sie hoch und runter, während das Geburtstagskind mit verbundenen Augen und mit einem Stock in der Hand versucht, die Piñata erschlagen, bis alle Bonbons auf den Boden purzeln und alle Geburtstagsgäste versuchen, sich die Bonbons zu schnappen. Noch dazu habe ich eine pappsüße Sahnetorte mit einer zentimeterdicken Zuckerschicht überzogen und bunt mit “Felicidades Cordula” bemalt bekommen, wie es hier der typische Kuchen ist und es war ein wirklich schönes Geburtstagsfest.

Den Heiligabend habe ich in einer nicaraguanischen Familie in Managua verbracht, mit viel Essen (von Schwein über Muscheln bis Stierzunge war alles dabei), ein paar Geschenke für alle um Mitternacht und einem großen Feuerwerk über der Hauptstadt, das vor allem aus selbstgebastelten, ohrenbetäubenden Sprengstoff-Knallern der Nachbarkinder bestand.

Den zweiten Weihnachtsabend habe ich deutsch-nicaraguanisch mit Freunden gefeiert: nicaraguanisches Festessen, deutsche Feuerzangenbowle (die Nicas haben beim brennenden Topf große Augen gemacht) und Weihnachtslieder mit deutschen und spanischen Strophen.

Amigo secreto” (der geheime Freund) heißt hier die nicaraguanische Version vom Weihnachts-Wichteln, damit auch so weit weg von der Heimat niemand von uns mit leeren Händen Weihnachten feiert – abgesehen von den großen Plätzchen und Schokoladen-Päckchen, an deren Vorräte wir Freiwillige jetzt noch gierig zehren.

Obwohl hier nämlich unglaublich viel Kakao angebaut wird – ich habe erst hier erfahren, dass jede Kakaobohne von einer leckeren schleimig weißen Schicht überzogen ist und in einer Baseball-artigen, gelben Schale wächst - wird hier kaum Schokolade produziert und sie gilt als absoluter Luxusartikel.

Ironischerweise wird aber sämtlicher Kakao, der in Deutschland für die Ritter Sport Bio-Schokolade verwendet wird, aus Nicaragua geliefert und nicht selten findet man Schokolade aus Nicaragua in deutschen Fair-Trade-Läden, obwohl es im Herkunftsland kaum Schokolade gibt.

Zur Weihnachtszeit hatten wir mit dem Gitarrenorchester unseren ersten Auftritt hier im Kulturzentrum, doch zur Zeit steht die Musikschule aufgrund der fast zweimonatigen Sommerferien der Kinder still. Ich genieße es, nicht ununterbrochen irgendeinem Lärm, sei es wohlklingend oder unzumutbar, ausgesetzt zu sein.

Zwischen den Feiertagen habe ich wieder einmal einen mir neuen, aktiven Vulkan erklommen (nicht umsonst wird Nicaragua das Land der tausend Vulkane genannt) und das Sandboarden auf dem Vulkangestein nach unten war mein diesjähriger Ersatz fürs Snowboarden. Silvester habe ich, wie es auch viele Nicaraguaner machen, am Pazifikstrand verbracht und um Mitternacht haben wir mit Freunden am Lagerfeuer die Gläser erhoben, um auf das neue Jahr anzustoßen!

In vielen Dörfern werden lebensgroße Puppen, die wie alte Greise aussehen, gebastelt, schon vor Neujahr an den Straßen gezeigt und in der Silvesternacht verbrannt – symbolisch soll damit alles Alte aus dem vergangenen Jahr vernichtet und verbrannt werden. Ersatzweise kann jeder einen Gegenstand, der ihm gehört ins Feuer werfen, um alles Schlechte aus 2009 zu vernichten.

Wir sind mit 11 Leuten, dem Gepäck von 16 Leuten in einem Jeep, der für 5 Personen ausgelegt ist zum Strand gereist. Das war ein riesen Spaß und wäre auf deutschen Landstraßen undenkbar. Wir hatten Bedenken, dass das sogar der nicaraguanischen Polizei nicht so gut gefallen könnte, allerdings sind wir auf der Strecke mehrmals an Polizisten vorbeigekommen, die das in keinster Weise gestört hat.

So funktioniert hier der Verkehr: Auf einem Fahrzeug fahren grundsätzlich doppelt so viele Personen wie vorgesehen. Ein Fahrrad ist in Granada das Fahrzeug für eine vierköpfige Familie und wenn ein Jeep eine Ladefläche hat, werden die Personen zur Not auch gestapelt, wenn es sein muss. Der Sicherheitsgurt wurde erst vor kurzem eingeführt und von der Bevölkerung nur spöttisch belächelt und der Führerschein hat auch einen niedrigeren Stellenwert als in Deutschland.

Kein einziges Fahrrad hat eine Klingel, geschweige denn Licht, doch auch nachts fahren auf den Landstraßen Fahrradfahrer am Seitenstreifen, was alles andere als ungefährlich ist. Die Autofahrer fahren auch grundsätzlich trotz Gegenverkehr mit Fernlicht und die Hupe ist in Nicaragua von der Grundausstattung her genauso wichtig wie die Bremse, da sie sehr regelmäßig zum Einsatz kommt/kommen muss.

Wenn man all dies bedenkt bin ich nicht traurig darüber, dass ich nun seit einem halben Jahr nicht mehr hinter dem Steuer saß.