Nicaragua ist ein Land der Märchen, Sagen und Legenden und der Aberglaube ist tief in den Menschen verwurzelt. So ist mir zu Ohren gekommen, dass in der Laguna de Apoyo tatsächlich eine Meerjungfrau wohnt, die in den letzten Jahren auch wirklich schon mehrmals von Menschenaugen gesichtet wurde und dass man die eingezäunten Wiesen auf der Vulkaninsel Ometepe besser nicht betreten sollte, insofern man nicht augenblicklich von der Hexe Charco Pico in eine Kuh verwandelt werden möchte. Mit Überzeugung warnen einen die Einheimischen davor.
Der Ursprung der letzteren Drohung der Verwandlung ist jedoch nachzuvollziehen, wenn man berücksichtigt, dass so früher Recht und Gesetz funktionierten. Niemand traute sich auf diesen Wiesen sein Lager aufzuschlagen und das Land zu besetzen, immer mit der Angst im Nacken am nächsten Morgen im Körper einer Kuh aufzuwachen.
Ich kenne eine schwangere junge Frau, die bei Vollmond keinesfalls das Haus verlässt, damit das Baby nicht mit roten Flecken auf dem ganzen Körper auf die Welt kommt – so wie es im Volksmund prophezeit wird. Wenn man das Haus aber dringend verlassen muss, so muss man schwarze Kleidung und rote Unterwäsche tragen. Worin bei diesem Aberglaube der tiefere Sinn steckt, ist mir nicht ganz klar, doch vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass man im schwangeren Zustand alle Anstrengungen vermeiden sollte und sich besser zu Hause ausruhen sollte.
So sind (zum Teil) kluge Ratschläge und Verbote in alte Legenden verpackt und in den Dörfern ist dieses Phänomen noch ausgeprägter als in der Stadt. Die “Pueblos Blancos” (Weiße Dörfer) um die Laguna de A
poyo heißen beispielsweise so, weil früher die weiße Magie eine wichtige Rolle spielte und nicht wie die spanischen Pueblos Blancos aufgrund ihrer weißgetünchten Häuser. Davon ist heute noch die Kräuterheilkunde übriggeblieben, so gibt es viele Hausrezepte mit regionalen Pflanzen für die üblichen Krankheiten – sehr typisch ist ein Tee aus “Zacate Limón” gegen Husten.
Doch auch in der Casa de los Tres Mundos spukt es – unser Hausgeist heißt Adela. Er schleicht sich nachts die Treppen in den ersten Stock hoch, dreht im Badezimmer die Dusche auf, macht das Licht an und sperrt die Tür anschließend von innen zu. Wenn wir nun nachts spät nach Hause kommen, hören wir gelegentlich schon von weitem das Wasserrauschen und sehen das Licht - finden aber eine von innen verschlossene Badezimmertür vor.
Folgende Geschichte dazu stammt von der Enkelin Adelas der Cardenals-Familie:
Adela wohnte vor über hundert Jahren hier in der Casa de los Tres Mundos, als die Casa noch ein Wohnhaus war. Sie hatte sieben Kinder und eines Tages erkrankte

sie aufgrund eines Hundebisses an Tollwut und starb. Ihre sieben Kinder sehnten sich so sehr nach der Mutter, dass Adela in Form ihres Geistes wieder zurück in die Casa kam und seitdem des Nachts hier herumspukt.
In den Legenden Granadas heißt es zudem , dass es vom heutigen Kulturzentrum aus einen unterirdischen Geheimgang bis zum Kloster gibt, von wo aus es einen Fluchtweg aus der Stadt hinaus geben soll.
Dieser soll zur Zeit der großen Piratenangriffe Granadas als Fluchtmöglichkeit vor den Piraten für die Bewohner Granadas entstanden sein.
Was kein Märchen ist, aber mittlerweile auch Vergangenheit, war mein diesjähriger Geburtstag, mein Weihnachtsfest und Neujahr.
Klassisch nicaraguanisch habe ich an meinem Geburtstag um 12:00 eine Piñata geschenkt bekommen. D
as ist eine buntbeklebte Figur aus Pappmaché, die mit Bonbons gefüllt ist. Sie wird an einer Schnur beweglich an der Decke aufgehangen und jemand bewegt sie hoch und runter, während das Geburtstagskind mit verbundenen Augen und mit einem Stock in der Hand versucht, die Piñata erschlagen, bis alle Bonbons auf den Boden purzeln und alle Geburtstagsgäste versuchen, sich die Bonbons zu schnappen. Noch dazu habe ich eine pappsüße Sahnetorte mit einer zentimeterdicken Zuckerschicht überzogen und bunt mit “Felicidades Cordula” bemalt bekommen, wie es hier der typische Kuchen ist und es war ein wirklich schönes Geburtstagsfest.
Den Heiligabend habe ich in einer nicaraguanischen Familie in Managua verbracht, mit viel Essen (von Schwein über Muscheln bis Stierzunge war alles dabei), ein paar Geschenke für alle um Mitternacht und einem großen Feuerwerk über der Hauptstadt, das vor allem aus selbstgebastelten, ohrenbetäubenden Sprengstoff-Knallern der Nachbarkinder bestand.
Den zweiten Weihnachtsabend habe ich deutsch-nicaraguanisch mit Freunden gefeiert: nicaraguanisches Festessen, deutsche Feuerzangenbowle (die Nicas haben beim brennenden Topf große Augen gemacht) und Weihnachtslieder mit deutschen und spanischen Strophen.
“Amigo secreto” (der geheime Freund) heißt hier die nicaraguanische Version vom Weihnachts-Wichteln, damit auch so weit weg von der Heimat niemand von uns mit leeren Händen Weihnachten feiert – abgesehen von den großen Plätzchen und Schokoladen-Päckchen, an deren Vorräte wir Freiwillige jetzt noch gierig zehren.
Obwohl hier nämlich unglaublich viel Kakao angebaut wird – ich habe erst hier erfahren, dass jede Kakaobohne von einer leckeren schleimig weißen Schicht überzogen ist und in einer Baseball-artigen, gelben Schale wächst - wird hier kaum Schokolade produziert und sie gilt als absoluter Luxusartikel.
Ironischerweise wird aber sämtlicher Kakao, der in Deutschland für die Ritter Sport Bio-Schokolade verwendet wird, aus Nicaragua geliefert und nicht selten findet man Schokolade aus Nicaragua in deutschen Fair-Trade-Läden, obwohl es im Herkunftsland kaum Schokolade gibt.
Zur Weihnachtszeit hatten wir mit dem Gitarrenorchester unseren ersten Auftritt hier im Kulturzentrum, doch zur Zeit steht die Musikschule aufgrund der fast zweimonatigen Sommerferien der Kinder still. Ich genieße es, nicht ununterbrochen irgendeinem Lärm, sei es wohlklingend oder unzumutbar, ausgesetzt zu sein.
Zwischen den Feiertagen habe ich wieder einmal einen mir neuen, aktiven Vulkan erklommen (nicht umsonst wird Nicaragua das Land der tausend Vulkane genannt) und das Sandboarden auf dem Vulkangestein nach unten war mein diesjähriger Ersatz fürs Snowboarden. Silvester habe ich, wie es auch viele Nicaraguaner machen, am Pazifikstrand verbracht und um Mitternacht haben wir mit Freunden am Lagerfeuer die Gläser erhoben, um auf das neue Jahr anzustoßen!
In vielen Dörfern werden lebensgroße Puppen, die wie alte Greise aussehen, gebastelt, schon vor Neujahr an den Straßen gezeigt und in der Silvesternacht verbrannt – symbolisch soll damit alles Alte aus dem vergangenen Jahr vernichtet und verbrannt werden. Ersatzweise kann jeder einen Gegenstand, der ihm gehört ins Feuer werfen, um alles Schlechte aus 2009 zu vernichten.
Wir sind mit 11 Leuten, dem Gepäck von 16 Leuten in einem Jeep, der für 5 Personen ausgelegt ist zum Strand gereist. Das war ein riesen Spaß und wäre auf deutschen Landstraßen undenkbar. Wir hatten Bedenken, dass das sogar der nicaraguanischen Polizei nicht so gut gefalle
n könnte, allerdings sind wir auf der Strecke mehrmals an Polizisten vorbeigekommen, die das in keinster Weise gestört hat.
So funktioniert hier der Verkehr: Auf einem Fahrzeug fahren grundsätzlich doppelt so viele Personen wie vorgesehen. Ein Fahrrad ist in Granada das Fahrzeug für eine vierköpfige Familie und wenn ein Jeep eine Ladefläche hat, werden die Personen zur Not auch gestapelt, wenn es sein muss. Der Sicherheitsgurt wurde erst vor kurzem eingeführt und von der Bevölkerung nur spöttisch belächelt und der Führerschein hat auch einen niedrigeren Stellenwert als in Deutschland.
Kein einziges Fahrrad hat eine Klingel, geschweige denn Licht, doch auch nachts fahren auf den Landstraßen Fahrradfahrer am Seitenstreifen, was alles andere als ungefährlich ist. Die Autofahrer fahren auch grundsätzlich trotz Gegenverkehr mit Fernlicht und die Hupe ist in Nicaragua von der Grundausstattung her genauso wichtig wie die Bremse, da sie sehr regelmäßig zum Einsatz kommt/kommen muss.
Wenn man all dies bedenkt bin ich nicht traurig darüber, dass ich nun seit einem halben Jahr nicht mehr hinter dem Steuer saß.