Nachdem ich in den letzten zwei Tagen die stärksten Gewitter mit den stärksten Regenfällen meines Lebens erlebt habe, bin ich überzeugt davon, dass die Trockenzeit überstanden ist. Der letzte Monat war mit Temperaturen von ca. 38° im Schatten wirklich unerträglich und somit freut sich hier jedermann über ein Stündchen Regen pro Tag.
In diesem Zusammenhang muss ich auch mal bemerken, dass mir vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal aufgefallen ist, dass es in den Medien keinen Wetterbericht gibt und das Wetter auch im alltäglichen Smalltalk keine Rolle spielt.
Wenn man kurz darüber nachdenkt, macht das auch Sinn. Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten: Regenzeit (Winter) von Mai-Oktober und Trockenzeit (Sommer) von November bis April.
Innerhalb dieser Jahreszeiten kann man sich drauf verlassen, dass den ganzen Tag die Sonne scheint - mit einer kleinen Unterbrechung durch Starkregen am Nachmittag während der Regenzeit. Dass Ausflüge oder Aktivitäten ins Wasser fallen ist also allgemein sehr unwahrscheinlich.
Über was ich nachdenke, wenn ich mir gerade keine Gedanken übers Wetter mache...
Wenn ich ab und zu wieder Statistiken über Nicaragua sehe, staune und erschrecke ich oftmals über Zahlen wie das Durchschnittsalter von 17 Jahren (!), die Arbeitslosigkeit von 25% und Analphabetismus von 36%.
Nun bin ich immerhin seit mehr als 8 Monaten im Land und natürlich entgeht mir nicht, wie viele Kinder und Jugendliche im Verhältnis zu älteren Menschen gibt und ebenso kenne ich selbst genug Nicaraguaner auf der Suche nach einer (vernünftigen) Arbeit und das unzureichende Bildungssystem ist mir auch kein Fremdwort – trotzdem finde ich die Vorstellung falsch, die diese Zahlen von dem Land vermitteln.
Nun wird mir bestimmt der ein oder andere vorwerfen, dass Granada nunmal die wohlhabendste Stadt in Nicaragua ist, worauf ich erwidern kann, dass ich nun doch schon auch ländliche Regionen und Managua kenne.
Trotzdem widerstrebt mir dieser negative Eindruck, den solche Zahlen vermitteln, weil ich dieses Land wirklich sehr schätze, sehr gerne hier bin und trotz aller Probleme das Leben in Nicaragua lebenswert ist.
Was ich damit sagen will, ist, dass solche Zahlen einen nicht abschrecken sollten, sich irgendwann einmal ein eigenes Bild von einem Entwicklungsland zu machen, denn das ist sehr anders als das Klischee mitsamt seinen Bildern und Zahlen von Entwicklungsländern auf vielen Spendenflyern.
Trotzdem will ich euch nicht einen guten Bericht vorenthalten, dem ich genau die oben genannten Statistiken entnommen habe, denn diese Zahlen sind nunmal Realität.
Da der Bericht stolze 24 Seiten umfasst und ich weiß, dass sich keiner die Mühe machen wird, ihn komplett zu lesen (auch wenn er es wert ist), möchte ich euch das für mich sehr wichtige Thema der sogenannten „Zonas Francas“ in Tipitapa, Nicaragua, nicht vorenthalten und ein wenig zusammenfassen.
„Zonas Francas“ sind Sonderwirtschaftszonen. Diese findet man vor allem in Entwicklungsländern, in denen die Löhne für Arbeitskräfte sehr niedrig sind.
Bevorzugt asiatische Textilfabriken siedeln sich in Nicaragua an und deren Vorteil sind die günstigen Arbeitskräfte (ca 50-80 Cordoba pro Tag = 2,50- 4US$=ca 2- 3 €), große Steuererleichterungen und bei der Einhaltung von Arbeitsbedingungen und Mindestlöhnen wird schonmal ein Auge zugedrückt oder diese Bestimmungen werden geschickt umgangen.
Der offizielle Mindestlohn in Nicaragua beträgt aber ohnehin nur 1298 Cordoba im Monat (=ca 65 US$), was immer noch weniger als die Hälfte der Summe ist, die benötigt wird, um die Grundbedürfnisse eines Nicaraguaners zu decken.
Modemarken, die speziell in Nicaragua produzieren sind z.B. Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Gap etc und die Waren werden zu 99% in die USA exportiert.
An einer Jeans, die in den USA für 50 US$ verkauft wird, verdient die Arbeiterin in Nicaragua 0,50 US$, also gerade einmal 1%.
Von dem Lohn eines Arbeiters muss meist die ganze Familie ernährt werden und 85% der Arbeiter in Zonas Francas sind Frauen.
Warum erlaubt bzw fördert der Staat diese Sonderwirtschaftszonen?

Das einzige Argument ist, dass somit viele Arbeitsplätze (vor allem für ungebildete Menschen) geschaffen werden. Das stimmt auch, doch unter den aktuellen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen erreichen die „Zonas Francas“ nicht ihr Ziel: nämlich die Wirtschaft Nicaraguas anzukurbeln als „Motor für eine bessere Zukunft“.
Eine Freundin von mir hat in Managua Informatik studiert und ihren Bachelor beendet. Außerhalb der Zonas Francas findet sie trotz ihrer guten Qualifikation keine Arbeit und da für sie eine Arbeit in einer Sonderwirtschaftszone nicht in Frage kommt, wird sie nun wohl ins Ausland gehen und ihr Studium fortsetzen.
Allein eine bessere Bildung scheint also auch nicht auszureichen, um die wirtsch. Situation zu verbessern, wenn in Nicaragua dann nach Beendigung der Ausbildung keine Arbeit für gebildete, junge Menschen vorhanden ist.
1Tipitapa en las Zonas Francas: Bilder, Geschichten, Fakten und Träume aus dem Nicaragua der Sonderwirtschaftszonen ; (Zusammenarbeit: Casa Tres Mundos, Pan y Arte, Kulturland Oberösterreich)





