Dienstag, 27. April 2010

Der Regen ist zurück!

Nachdem ich in den letzten zwei Tagen die stärksten Gewitter mit den stärksten Regenfällen meines Lebens erlebt habe, bin ich überzeugt davon, dass die Trockenzeit überstanden ist. Der letzte Monat war mit Temperaturen von ca. 38° im Schatten wirklich unerträglich und somit freut sich hier jedermann über ein Stündchen Regen pro Tag.

In diesem Zusammenhang muss ich auch mal bemerken, dass mir vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal aufgefallen ist, dass es in den Medien keinen Wetterbericht gibt und das Wetter auch im alltäglichen Smalltalk keine Rolle spielt.

Wenn man kurz darüber nachdenkt, macht das auch Sinn. Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten: Regenzeit (Winter) von Mai-Oktober und Trockenzeit (Sommer) von November bis April.

Innerhalb dieser Jahreszeiten kann man sich drauf verlassen, dass den ganzen Tag die Sonne scheint - mit einer kleinen Unterbrechung durch Starkregen am Nachmittag während der Regenzeit. Dass Ausflüge oder Aktivitäten ins Wasser fallen ist also allgemein sehr unwahrscheinlich.

Über was ich nachdenke, wenn ich mir gerade keine Gedanken übers Wetter mache...

Wenn ich ab und zu wieder Statistiken über Nicaragua sehe, staune und erschrecke ich oftmals über Zahlen wie das Durchschnittsalter von 17 Jahren (!), die Arbeitslosigkeit von 25% und Analphabetismus von 36%.

Nun bin ich immerhin seit mehr als 8 Monaten im Land und natürlich entgeht mir nicht, wie viele Kinder und Jugendliche im Verhältnis zu älteren Menschen gibt und ebenso kenne ich selbst genug Nicaraguaner auf der Suche nach einer (vernünftigen) Arbeit und das unzureichende Bildungssystem ist mir auch kein Fremdwort – trotzdem finde ich die Vorstellung falsch, die diese Zahlen von dem Land vermitteln.

Nun wird mir bestimmt der ein oder andere vorwerfen, dass Granada nunmal die wohlhabendste Stadt in Nicaragua ist, worauf ich erwidern kann, dass ich nun doch schon auch ländliche Regionen und Managua kenne.


Trotzdem widerstrebt mir dieser negative Eindruck, den solche Zahlen vermitteln, weil ich dieses Land wirklich sehr schätze, sehr gerne hier bin und trotz aller Probleme das Leben in Nicaragua lebenswert ist.

Was ich damit sagen will, ist, dass solche Zahlen einen nicht abschrecken sollten, sich irgendwann einmal ein eigenes Bild von einem Entwicklungsland zu machen, denn das ist sehr anders als das Klischee mitsamt seinen Bildern und Zahlen von Entwicklungsländern auf vielen Spendenflyern.

Trotzdem will ich euch nicht einen guten Bericht vorenthalten, dem ich genau die oben genannten Statistiken entnommen habe, denn diese Zahlen sind nunmal Realität.

Da der Bericht stolze 24 Seiten umfasst und ich weiß, dass sich keiner die Mühe machen wird, ihn komplett zu lesen (auch wenn er es wert ist), möchte ich euch das für mich sehr wichtige Thema der sogenannten „Zonas Francas“ in Tipitapa, Nicaragua, nicht vorenthalten und ein wenig zusammenfassen.

Zonas Francas“ sind Sonderwirtschaftszonen. Diese findet man vor allem in Entwicklungsländern, in denen die Löhne für Arbeitskräfte sehr niedrig sind.

Bevorzugt asiatische Textilfabriken siedeln sich in Nicaragua an und deren Vorteil sind die günstigen Arbeitskräfte (ca 50-80 Cordoba pro Tag = 2,50- 4US$=ca 2- 3 €), große Steuererleichterungen und bei der Einhaltung von Arbeitsbedingungen und Mindestlöhnen wird schonmal ein Auge zugedrückt oder diese Bestimmungen werden geschickt umgangen.

Der offizielle Mindestlohn in Nicaragua beträgt aber ohnehin nur 1298 Cordoba im Monat (=ca 65 US$), was immer noch weniger als die Hälfte der Summe ist, die benötigt wird, um die Grundbedürfnisse eines Nicaraguaners zu decken.

Modemarken, die speziell in Nicaragua produzieren sind z.B. Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Gap etc und die Waren werden zu 99% in die USA exportiert.

An einer Jeans, die in den USA für 50 US$ verkauft wird, verdient die Arbeiterin in Nicaragua 0,50 US$, also gerade einmal 1%.

Von dem Lohn eines Arbeiters muss meist die ganze Familie ernährt werden und 85% der Arbeiter in Zonas Francas sind Frauen.

Warum erlaubt bzw fördert der Staat diese Sonderwirtschaftszonen?

Das einzige Argument ist, dass somit viele Arbeitsplätze (vor allem für ungebildete Menschen) geschaffen werden. Das stimmt auch, doch unter den aktuellen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen erreichen die „Zonas Francas“ nicht ihr Ziel: nämlich die Wirtschaft Nicaraguas anzukurbeln als „Motor für eine bessere Zukunft“.

Eine Freundin von mir hat in Managua Informatik studiert und ihren Bachelor beendet. Außerhalb der Zonas Francas findet sie trotz ihrer guten Qualifikation keine Arbeit und da für sie eine Arbeit in einer Sonderwirtschaftszone nicht in Frage kommt, wird sie nun wohl ins Ausland gehen und ihr Studium fortsetzen.

Allein eine bessere Bildung scheint also auch nicht auszureichen, um die wirtsch. Situation zu verbessern, wenn in Nicaragua dann nach Beendigung der Ausbildung keine Arbeit für gebildete, junge Menschen vorhanden ist.

1Tipitapa en las Zonas Francas: Bilder, Geschichten, Fakten und Träume aus dem Nicaragua der Sonderwirtschaftszonen ; (Zusammenarbeit: Casa Tres Mundos, Pan y Arte, Kulturland Oberösterreich)

Freitag, 16. April 2010

Ticos und Nicas - ein Nachbarschaftsstreit

Nicaragua und Costa Rica: Zwei kleine Länder in Mittelamerika, beides ehemalige Kolonialstaaten der spanischen Krone, die natürlichen Bedingungen der beiden Länder sind sehr ähnlich, die Musik im Radio ist diesselbe, die Bewohner beider Länder sprechen ein und diesselbe Sprache – und doch sind Costa Rica und Nicaragua so unterschiedlich und die Bewohner des jeweiligen Landes haben kaum ein gutes Wort für den anderen übrig.

Vor zwei Wochen war ich trotz aller Warnungen und negativer Berichte der Nicaraguaner ein paar Tage in Costa Rica und habe mir selbst einen Eindruck von der „Grünen Schweiz Mittelamerikas“ gemacht.

Diese Bezeichnung kommt daher, da Costa Rica ein winzig kleines Land ist, das nicht in das Klischee eines typischen lateinamerikanischen Landes passt: Es herrscht weder eine blutrünstige Militärdiktatur noch ist es wirtschaftlich schlecht gestellt – im Gegenteil: Politische Stabilität und sozialer Frieden ist kennzeichnend für die Politik. Im Umweltschutz liegt Costa Rica ganz vorne und das Müllproblem wie z.B. in Nicaragua ist nicht vorhanden.

Schon an der Grenze nach Costa Rica bekam ich zu spüren, wie unterschiedlich das System in Nicaragua und Costa Rica ist und dass die Ticos (Bewohner Costa Ricas) es schon mir als Europäerin schwer machen, in ihr Land zu reisen und dann kann man sich vorstellen, wie das für einen Nicaraguaner ist, der im Land nicht erwünscht ist.

Mir wurde gesagt, dass ich mit dem Busunternehmen TICABUS bereits in kurzen 4 Stunden über die Grenze nach Costa Rica komme.

An der Grenze allerdings mussten alle aussteigen und innerhalb 20 Minuten wurde mein Reisepass um einen Ausreisestempel aus Nicaragua erweitert. Ein Lärmen am chaotischen Busbahnhof und 10 dickliche Nica-Frauen, die in kreischender Stimme ihre Waren anpreisen, bin ich aus Nicaragua gewohnt.


Lange Verzögerungen kenne ich auch zur Genüge, doch mit einem zweieinhalb-stündigen Einreiseprozess hat sich die costaricanische Einwanderungsbehörde selbst übertroffen. Einstündige Warteschlangen, unfreundliche Beamten, modernes Grenzrestaurant statt Quesillo-Frauen, noch eine Schlange, bei der jeder Koffer einzeln geöffnet wird, um ihn undurchsucht wieder zu schließen, sind mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich nicht im ersten Moment erwünscht gefühlt.

Fakt ist, dass Costa Rica von nicaraguanischen Einwanderern nicht gerade begeistert ist, da dies meist ungebildete Arbeitskräfte sind, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind und von der hohen Wirtschaftskraft und dem guten Sozialsystem der Ticos profitieren wollen.

Dieses starke wirtschaftliche und soziale Gefälle und dieses Aufeinandertreffen von ein wenig Überheblichkeit der Ticos auf die Missgunst der Nicas führt zu dem schlechten Gerede der einen über die anderen.

Positiv an Costa Rica kann ich bemerken, dass das Umweltbewusstsein der Ticos tatsächlich sehr hoch ist und die Straßenränder nicht zu Mülldeponien umfunktioniert wurden und alle Sitze im Auto mit Anschnallgurten ausgestattet sind, was in Nicaragua auch selten anzutreffen ist.

Den Reichtum, unter anderem aufgrund des Tourismus, spürt man anhand von riesigen Food Malls, überdimensionalen Einkaufszentren und Straßen, die kilometerweit von Luxushotels, Massagezentren und zahl-reichen Öko-Lodges gesäumt sind.

Für den Ökotourismus ist Costa Rica auch bekannt und die Natur um die Hotels herum ist wirklich wunderschön – von Vulkanwanderungen über Regenwaldbesuche mit Tierbeobachtung bis hin zur Entspannung an Pazifikstränden ist für jeden was dabei.

Doch die interessante Frage ist letztendlich: Wie kam es dazu, dass zwei Länder mit so ähnlichen Ausgangsbedingungen einen so unterschiedlichen Entwicklunsstand haben – noch dazu, wo Nicaragua vor nur 15 Jahren noch reicher war als Costa Rica?

Die Komplexität der Antwort auf diese Frage und mein dafür nicht ausreichendes Wissen über die Vergangenheit und Gegenwart dieser beiden Länder erlaubt es mir leider nicht, eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage zu finden, doch Faktoren wie unzählige Kriege und Krisen, Korruption, politische Fehler, unzureichendes Bildungssystem, Ausbeutung durch andere Länder etc. spielen bestimmt eine große Rolle.