Der ganze Monat Mai steht an der Atlantikküste Nicaraguas ganz im Zeichen der Festtage zu Ehren der Fruchtbarkeit der Mutter Erde. Karneval, Umzüge durch die Stadt, viel leckeres Essen und vor allem ausgelassene Tänze mit kräftigem Hüftschwung sind kennzeichend für das Karibikfestival “Palo de Mayo”. Diese wilden Tänze sollten zu Zeiten der spanischen Eroberung die feinen spanischen Herren schockieren.
Die Atlantikküste Nicaraguas hat eine gewisse Autonomie gegenüber dem Einfluss der ehemaligen spanischen Kolonialherren gewahrt, was unter anderem dem unbewohnten und kaum besiedelten Dschungelgebiet zu verdanken ist, das die stark bevölkerte Pazifikseite Nicaraguas von der Atlantikküste geografisch trennt und somit schwer zugänglich macht.
Eine einzige Straße führt dorthin und auf halber Strecke geht die Fahrt auf dem Fluss weiter, der sich seinen Weg durch den Regenwald bahnt. Der starke Unterschied der beiden Regi
onen ist deutlich spürbar – Während bei uns in Managua, Granada und Umgebung ausschließlich spanisch gesprochen wird, sprechen die Bewohner der Costa Atlantica Kreolisch (ein Dialekt des Englischen) und Misquito, eine indigene Sprache. Die Hautfarbe der Costeños ist deutlich dunkler und der Einfluss der hellen, europäischen Haut hat sich nicht durchgesetzt. Zudem gibt es mehr Armut, da viele Menschen von Fischerei leben und andere Wirtschaftszweige sehr schwach ausgeprägt sind.
Was ich bei einem Besuch vor einigen Wochen besonders genossen habe, war das leckere Essen an der Atlantikküste, das fast immer mit Kokosmilch zubereitet wird – die Spezialität dort ist “Rondon”, eine Suppe aus Meeresfrüchten mit Kokosmilch. Auch das übliche “Gallo Pinto” (Reis mit Bohnen) ist mit Kokosmilch eindeutig besser und Nachspeisen aus Kürbis, Fisch in allen Variationen und Kokosbrot verwöhnten unseren Gaumen. Mmmhh!
Von Bluefields aus, der Stadt des Festivals, besteht die Möglichkeit auf die Robinson-Crusoe-Inseln Nicaraguas, die Corn Islands überzusetzen – mit Zementsäcken, Schweinen, Hühnern und Bambusholz auf dem Schiff im karibischen Meer fühlt man sich dem Piratendasein schon sehr nahe.
Letztes Wochenende war ich auf der Hochzeit einer nicaraguanischen Freundin eingeladen. Für mich war das die erste Hochzeit in Nicaragua und was wirklich typisch Nica war, war das vorherrschende Chaos sowohl bei der Planung als auch bei der Feier selbst.
Die Nervosität des Bräutigams wurde durch die Tatsache, dass die weiße Pferdekutsche mitsamt der Braut eine halbe Stunde zu spät in der Kirche eintraf nicht unbedingt gemindert. In der Zwischenzeit sank die Motivation des Pfarrers, einen schönen Gottesdienst zu gestalten, auf den Nullpunkt, bis er ernsthaft drohte, die Hochzeitsmesse abzublasen, wenn die Braut nicht innnerhalb von 5 Minuten einträfe.
Zum Glück fand die Trauung letztendlich statt und nach dem Gottesdienst, der einem deutschen katholischen Gottesdienst sehr ähnelte, ging die Feier im Haus einer Freundin weiter. Beim Eintreffen des Brautpaars wurde Reis über ihre Kopfe gestreut – der Reis bringt Glück und ist auch wirklich sehr typisch für dieses Land.
Insgesamt war die Feier mit Salsa, Merengue und viel Musik schön, für meinen Geschmack allerdings ein wenig unpersönlich und nicht so feierlich, wie ich das von bayerischen Hochzeitsfeiern her kenne.
Da es in diesem Bericht um Feiern aller Art geht, gehört die Feier des ersten WM-Sieges Deutschlands auch dazu. Mit selbstgemalten Fan-T-Shirts und Kriegsbemalung in schwarz-rot-gold zogen wir gemeinsam mit nicaraguanischen und deutschen Freunden los, um uns um 12:00 mittags das Spiel anzuschauen. Wir waren die einzigen Deutschland-Fans, doch mit der tatkräftigen Unterstützung der Nicas, die auf unserer Seite sind (da Nicaraguas Nationalmannschaft sich sowieso nicht für die WM qualifiziert hat) und halbwegs einstudierten deutschen Fußballliedern haben wir gemeinsam den Sieg gefeiert - ein wichtiger Schritt im Rahmen des deutsch-nicaraguanischen Kulturaustauschs.



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